Wirtschaft : Die Hausse könnte enden - noch lagern 13 Jahresproduktionen in den Tresoren der Zentralbanken

Wolfgang Drechsler

Totgesagte leben offenbar doch länger. Wer jedenfalls geglaubt hatte, dass der Glanz des Goldes auf Dauer verblasst sei, wird gerade eines Besseren belehrt.

Am Dienstag setzte der Goldpreis seinen vor zwei Wochen begonnenen Höhenflug fort. Mittags beim Londoner Fixing kostete die Feinunze 326,25 Dollar - das ist der höchste Stand seit Oktober 1997. Am Montagnachmittag hatte der Preis bei 312,75 Dollar gelegen, am 20. September waren es noch 255 Dollar gewesen. Das ist ein Plus von 28 Prozent - binnen zwei Wochen.

Auslöser des sensationellen Comebacks war der Beschluss von 15 europäischen Zentralbanken, ihre Goldverkäufe in den kommenden fünf Jahren auf 400 Tonnen pro Jahr zu begrenzen. Diese kürzlich offiziell verkündete Zurückhaltung der Zentralbanken beseitigt einen Großteil jener Unsicherheit, die angesichts immer neuer Goldverkäufe durch die Zentralbanken seit Monaten auf dem Markt lag - und den Preis des gelben Metalls drückten.

Weltweit verlor Gold seinen Status als Ersatzwährung und sichere Anlage in Krisenzeiten. Es wurde, so sagen die Experten, "demonetarisiert". Mittlerweile gibt es verschiedene andere Finanzmarktinstrumente, die Anleger vor einem möglichen Inflationsanstieg schützen.

Daneben beseitigt die Übereinkunft aber auch die weitverbreitete Sorge, dass Europas Zentralbanken einen Goldpreis über 275 Dollar zum Verkauf weiterer Goldreserven nutzen würden. Nachdem inzwischen auch Japan und die australische Zentralbank hinter der europäischen Initiative einzuschwenken scheinen, fallen nach Angaben des Marktbeobachters des World Gold Council, George Milling-Stanley, fast 90 Prozenbt aller Goldvorräte unter das Verkaufs- und Verleihlimit. Für die Mehrzahl der Edelmetallspezialisten stellt der überraschende Vorstoß der europäischen Zentralbanken einen fundamentalen Wandel am Goldmarkt dar. Einige, wie zum Beispiel Goldanalyst Rob Edward vom Johannesburger Brokerhaus HSBC, sehen in dem Preisanstieg endgültig eine Trendwende. Edward spricht vom "bedeutendsten Stimmungsumschwung im Goldsektor seit Jahren".

Freilich: Eine gewisse Vorsicht ist schon deshalb angebracht, weil noch immer mehr als 27 000 Tonnen - fast 13 Jahresproduktionen - in den Tresoren der Zentralbank lagern. Trotz der Treueschwüre zum Gold werden die Banken der Versuchung eines höheren Goldpreises kaum widerstehen können. Vermutlich wollen sie einen Gutteil auf Dauer mit mehr Gewinn anlegen, als sie dies in den vergangenen 20 Jahren getan haben.

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