Wirtschaft : Die Hilfe kommt teuer

Im indonesischen Katastrophengebiet bringen ausländische Organisationen die Wirtschaft durcheinander

Michael M. Phillips[Banda Aceh]

Die britische Beraterfirma Halcrow&Associates verlor sechs ihrer 45 Angestellten im Tsunami vom 26. Dezember. Doch an Neueinstellungen ist derzeit nicht zu denken. Der Grund: Ausländische Hilfsorganisationen werben Mitarbeiter von den örtlichen Unternehmen ab und treiben die Löhne in unerschwingliche Höhen.

Weil ein großes Bewässerungsprojekt der Firma wegen des Arbeitskräftemangels kurz vor dem Aus steht, fuhr Halcrows Abteilungsleiter Nigel Landon vor einigen Tagen die Hilfsagenturen ab, um Näheres über die Einstiegsgehälter zu erfahren. Die Antworten waren entmutigend. „Wir können unsere Löhne nicht über Nacht verdoppeln“, sagte Landon im Anschluss an seine Erkundungstour. „Die privaten Hilfsorganisationen sind nach einem solchen Unglück und den großzügigen Spenden finanziell viel freier als wir.“

Die Wirtschaft von Banda Aceh steht Kopf – verzerrt von Not, Großzügigkeit und günstigen Gelegenheiten. Tausende von Hilfskräften brachten Nahrungsmittel und Geld in die vom Tsunami verwüstete Stadt an der Nordspitze der Insel Sumatra. Preise, Löhne und Mieten folgen seither eigenen Gesetzen. Salz kostet doppelt so viel wie vor dem Desaster, weil die Flutwelle die Salzproduktion an der Küste auslöschte. Dagegen sind Rindfleischpreise im Keller, weil man sich vor Krankheitserregern fürchtet.

Nirgends sind die Verzerrungen so gewaltig wie bei den Mieten – ein Phänomen, das aus Krisenregionen von Kabul bis Kigali bekannt ist.

Schätzungsweise die Hälfte aller Häuser in Banda Aceh wurde in der Naturkatastrophe zerstört. Neben den 125000 Menschen, die nach Angaben der UNO ihre Bleibe verloren haben, suchen nun auch die ausländischen Hilfskräfte eine Unterkunft. Aswin Rahman, ein pensionierter Banker, sah die Gelegenheit für ein gutes Geschäft und vermietete sein Vier-Zimmer-Haus an die Hilfsgruppe Mercy Corps. Von den acht Bewerbern bot die Agentur am meisten: 1400 Dollar für das Haus, das unter normalen Umstanden für gerade einmal 300 Dollar zu vermieten war. Doch Rahman hätte noch eine Woche warten sollen. Dann musste Mercy Corps einem anderen Vermieter für ein zweites Haus sogar 4000 Dollar zahlen. „Vor allem begrüße ich die Organisationen, weil sie beim Wiederaufbau helfen“, sagt Rahman. „Außerdem sehe ich ihr Geld als Entschädigung für die ganzen Unannehmlichkeiten.“ Letztendlich werden die Indonesier die Schäden beheben, und der Immobilienmarkt wird sich entspannen. Schließlich haben ausländische Spender 1,7 Milliarden Dollar Wiederaufbauhilfe für die Aceh-Provinz versprochen.

Vorerst dreht sich alles ums Aufräumen, nicht ums Aufbauen. Deshalb hat Said Firdaus, Eigentümer einer Tischlerwerkstatt, derzeit keine Kunden für seine polierten Möbel. Sein einziger Auftraggeber ist eine schwedische Hilfsorganisation. Für eines der Flüchtlingslager hat sie 20 gezimmerte Toiletten-Häuschen bestellt. Trotz eines Stückpreises von 390 Dollar ist der monatliche Gewinn von Firdaus um 75 Prozent auf rund 400 Dollar zurückgegangen. Wenn die Bauarbeiten erst einmal anfangen, so glaubt er, wird sich sein Umsatz im Vergleich zum Normalgeschäft vervierfachen – und seine Preise werden um 25 Prozent steigen.

Besonders schlecht geht es den Fischhändlern. Viele Fischer wurden getötet oder ihrer Boote beraubt, als die Küstendörfer überschwemmt wurden. Fischhändler Ismail Hussein, der seine Frau und fünf Kinder beim Tsunami verloren hat, kann nur noch Fische verkaufen, die aus anderen Orten auf Sumatra angeliefert werden. Der Bedarf ist aus Furcht vor Krankheiten ohnehin drastisch zurückgegangen: Viele Menschen glauben, die Fische hätten sich in der letzten Zeit von den Leichen ernährt, die von den Wellen in das Meer geschwemmt wurden. In der Folge schrumpfte Husseins täglicher Gewinn um 80 Prozent.

Ähnliches gilt für die Fleischer. Abgestoßen werden ihre Kunden vor allem von den Fliegen, die sich auf den Produkten der offenen Verkaufsstände ebenso niederlassen wie auf den Leichen, die immer noch in der Landschaft verstreut liegen. Insgesamt sind die Preise für Lebensmittel gestiegen, nicht zuletzt, weil viele Fuhrunternehmen ihre Frachttarife erhöht haben. Die Fuhrunternehmen werden mit lukrativen Aufträgen für den Transport von Hilfsgütern nach Banda Aceh überhäuft und verlangen nun auch von den Händlern höhere Preise.

Hilfsorganisationen treiben zudem die Preise für Autos an, nachdem Tausende von Fahrzeugen in den Fluten zerstört worden sind. Irfan Julian war vor der Katastrophe ein Alleinunterhalter, der mit Klassikern wie „My Way“ oder „Yesterday“ in einem Hotelrestaurant auftrat. Seitdem das Hotel von der Flut weggespült wurde, vermietet er seinen schicken Daihatsu-Jeep an eine Katholische Hilfsorganisation und ließ sich selbst als Kraftfahrer anstellen. Als Musiker verdiente er umgerechnet 540 Dollar im Monat. Mit seinem Jeep kommt er dagegen auf 1800 Dollar. Dies ist ein sagenhafter Betrag – nicht zuletzt angesichts des niedrigen indonesischen Pro-Kopf-Einkommens, das laut Weltbank im Jahr 2002 gerade einmal 710 Dollar betragen hat.

Neben den Hilfsorganisationen machen auch die nach immer neuen Geschichten suchenden Medienunternehmen Jagd auf Übersetzer und Fachleute vor Ort. Oft werden dabei Mitarbeiter von anderen Einrichtungen abgeworben, darunter von Fachschulen, Regierungsbehörden und Unternehmen. Die Berater von Halcrow & Associates haben bereits drei Angestellte an die neuen Arbeitgeber verloren.

Bei früheren Krisen, zum Beispiel in Somalia oder Afghanistan, begegneten die Hilfsorganisationen dem Problem durch indirekte Preisabsprachen. Die Chefs der Agenturen verständigten sich über die üblichen Löhne und versprachen, dass man den anderen Einrichtungen keine Mitarbeiter durch höhere Angebote abwerben würde. Bislang fehlt ein solcher Nichtangriffspakt in Banda Aceh. „Alles ist ein wenig brutaler“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. „Hier geht es weit weniger freundlich zu als bei meinen früheren Hilfseinsätzen.“

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