Die Hochschule abgebrochen - und jetzt? : Zweite Chance

Hochschulabbrecher müssen nicht mehr um ihre Karriere fürchten. Sie sind heute als Azubis begehrt. Wie Aussteiger und Arbeitgeber zusammenkommen.

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Ex-Student gesucht. An der Hochschule gescheiterte Abiturienten sollen eine Ausbildung in einem Handwerksunternehmen beginnen. Das wird vom Bund gefördert.
Ex-Student gesucht. An der Hochschule gescheiterte Abiturienten sollen eine Ausbildung in einem Handwerksunternehmen beginnen. Das...Foto: picture alliance / dpa

Manchmal quält man sich lange damit herum, etwas, das nicht gut läuft, zu beenden. Der Berliner Thomas Rüter hat 16 Semester Politikwissenschaften in Bremen studiert, bevor er schließlich bei der Bachelor-Arbeit die Nerven verlor: Eigentlich hatte er mit dem Studium nie viel anfangen können und das, was viele Absolventen danach beruflich probieren, Journalismus zum Beispiel oder Politikberatung, interessierte ihn nicht. Was sollte denn dann nach der Bachelor-Arbeit kommen? Der heute 28-Jährige brach sein Studium ab, ging zurück nach Berlin – und begann in einem Supermarkt zu jobben.

Fast jeder dritte Bachelor-Studierende in Deutschland (28 Prozent) verlässt die Hochschule ohne Abschluss, hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung für den Absolventenjahrgang 2012 berechnet. In Mathematik, Physik und Chemie sind es mit 39 Prozent besonders viele, in den Sprach- und Kulturwissenschaften wie im Maschinenbau und in der Elektrotechnik sind es mit 37 Prozent kaum weniger. Doch wie geht es für die zahlreichen Studienabbrecher weiter, wenn sie die Hochschule verlassen?

Abbrecher mit Abitur sind gefragt

Ganz so aussichtslos, wie man denken könnte, sieht es für die Aussteiger auf dem Arbeitsmarkt gar nicht aus. Denn dort gibt es nicht nur zu wenige Fachkräfte, es mangelt auch an Azubis. Allein in Berlin waren wenige Wochen vor Beginn des Ausbildungsjahres 5500 Lehrstellen unbesetzt – auch weil Arbeitgeber mit der Qualifikation der Bewerber unzufrieden waren. Das Bundesbildungsministerium will nun die jungen Menschen mit gutem Schulabschluss mit den Arbeitgebern zusammenbringen: Ab nächstem Jahr steckt es 13,5 Millionen Euro in Förderprogramme, die kleinen und mittelständischen Firmen Studienabbrecher als Azubis vermitteln. In Berlin gibt es über die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Handwerkskammer bereits entsprechende Projekte.

„Unternehmen haben ein starkes Interesse, Abiturienten zu bekommen, die sonst für eine Ausbildung teilweise schwer zu erreichen sind“, sagt Jakob Schmachtel. Er vermittelt an der IHK in dem Projekt „Your Turn“ Studienaussteiger und ausbildende Unternehmen. 13 Hochschulaussteiger haben so 2013 eine Lehre zum Fachinformatiker Systemintegration begonnen, elf eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann. In diesem Jahr kamen Angebote für künftige Groß- und Außenhandelskaufleute dazu.

Es sei kein Problem, Interessenten zwischen 20 und 29 Jahren zu vermitteln, sagt Schmachtel. Ab 30 Jahren werde es schwieriger, aber selbst da lasse sich ein Ausbildungsplatz finden. Durchschnittlich sind Azubis in Berlin 22 Jahre alt.

Die IHK-Beratung brachte ihn voran

Thomas Rüter plante eine Ausbildung im Bereich IT: Computer interessierten ihn schon immer und ihn reizte das praktische Lernen im Betrieb und die mögliche Anbindung an einen späteren Arbeitgeber. Doch die fast 40 Bewerbungen, die er schrieb, blieben erfolglos. Dann kam das Beratungsgespräch bei der IHK – und ihm wurden gleich mehrere Lehrstellen per E-Mail angeboten.

Heute ist Rüter Azubi bei dem Internet Service Provider I/P/B und geht alle drei Wochen zur Berufsschule in Neukölln. In seiner Klasse haben fast alle Abi und danach einige Zeit studiert. Auch einige ehemalige Informatikstudenten sind dabei. Der geregelte Tagesablauf zwischen Arbeit und Berufsschule tut ihm gut, berichtet er. Mit der direkten Anwendung im Unternehmen fällt ihm das Lernen viel leichter. Wenn in Wirtschafts- oder Sozialkunde ein Artikel aus dem Grundgesetz besprochen wird, findet das der ehemalige Student der Politikwissenschaft eher uninteressant. Nur an die Schulstruktur musste er sich nach der Uni erst wieder gewöhnen, sagt Rüter.

Wer studiert hat, kann die Ausbildungszeit von drei Jahren auf bis zu 18 Monate verkürzen. Praktika oder Studienmodule lassen sich anrechnen, zum Beispiel in Rechnungswesen, Fremdsprachen oder technischen Fächern. Bei Geistes- und Sozialwissenschaften sind die Überschneidungen mit vielen Ausbildungsberufen allerdings eher gering. Rüter macht deswegen eine dreijährige Ausbildung.

Über den Ausstieg sollte man dreimal nachdenken

Auch wenn die Studienabbrecher inzwischen von der Wirtschaft umworben werden – über den Schritt, die Hochschule zu verlassen, sollte man „lieber dreimal nachdenken“ und sich vorher gut beraten lassen, rät die Karriereexpertin Svenja Hofert aus Hamburg. Hochschulbildung und berufliche Bildung – die beiden Systeme seien in Deutschland nach wie vor relativ undurchlässig. Das gelte besonders, wenn man schon mehr als die Hälfte des Studiums geschafft habe.

Zu bedenken sei etwa, dass auch mit Meisterprüfung nur wenige Leistungen anerkannt werden, wenn man anschließend an einer Hochschule einen Master aufsatteln möchte. Tatsache sei auch, dass man mit einer Lehre im kaufmännischen Bereich später mit Hochschulabsolventen um dieselben Jobs konkurriere. Und Hochschulabsolventen hätten da klare Vorteile.

Ist man sich aber sicher, dass man das falsche Studienfach belegt hat, und entscheidet sich beruflich neu, etwa für einen handwerklichen Beruf, liegt der Wechsel in die Ausbildung nahe, meint sie.

Gleich ganz auf einen Abschluss zu verzichten und direkt in den Beruf einzusteigen, davor warnt Hofert in der Mehrheit der Fälle: In Fächern wie Informatik sei das zwar einfach und schnell möglich. Sobald man aber den Arbeitgeber wechseln möchte, bei Beförderungen und mit zunehmendem Alter, stehe man schlechter da als die Konkurrenz mit Abschluss.

Thomas Rüter fühlt sich beruflich endlich angekommen. „Man muss sich darauf einlassen, etwas Neues zu machen – aber das ist auch motivierend“, sagt er. Weder sein Alter noch sein bisheriger Lebensweg seien bisher Thema gewesen. „Es zählt heute nur, dass ich meine Aufgabe gut mache.“

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