Wirtschaft : Die IG Farben ist pleite

Liquidatoren vermuten eine „tolle Betrugsgeschichte“/ Spekulationen verhinderten jahrelang die Auflösung

-

Frankfurt (Main) (ro). 78 Jahre nach der Gründung des Konzerns und 51 Jahre nach der von den Alliierten verfügten Abwicklung ist die IG Farben endgültig pleite. Die Geschäftsführer der Liquidationsgesellschaft Volker Pollehn und Otto Bernhardt meldeten am Montag beim Amtsgericht Frankfurt Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit an. Damit gibt es für ehemalige Zwangsarbeiter praktisch keine Hoffnung mehr auf Entschädigung aus dem Restvermögen des eng in die NaziHerrschaft verstrickten Konzerns. Die vor drei Jahren gegründete Stiftung ist von der Insolvenz zwar nicht betroffen, sie verfügt aber nur über ein bescheidenes Kapital von 253 000 Euro.

Die beiden Liquidatoren, die CDU-Bundestagsabgeordneten Pollehn und Bernhardt, sehen den eigentlichen Grund für die Pleite allerdings in Vorgängen, die in die Zeit vor ihrem Amtsantritt im Herbst 1998 fallen. Nach der Wende war die Gesellschaft ins Visier von Spekulanten geraten. „Das alles ist ein unglaubliches Stück deutscher Börsengeschichte und möglicherweise eine tolle Betrugsgeschichte“, sagte Pollehn. Vor zehn Jahren habe das Vermögen der IG noch bei 80 Millionen Euro gelegen, dann aber seien rund 67 Millionen Euro an einige wenige Aktionäre ausgeschüttet worden. Der Großteil floss offenbar an das Frankfurter Immobilienunternehmen WCM. WCM ist heute Großaktionär bei der IG Farben in Liquidation. Mit diesem Geld, so behauptet Bernhardt, sei der Aufstieg von WCM zu einem großen Immobilien- und Beteiligungsunternehmen erst möglich geworden.

Zum anderen hatte der Kölner Immobilienhändler Günter Minninger, der in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre zeitweise Großaktionär der IG Farben war, für rund 31 Millionen DM offenbar heruntergekommene Wohnblocks in Köln und Bochum zu überhöhten Preisen und zusätzlich Anleihen von einer niederländischen Immobiliengesellschaft gekauft. Die Anleihen erwiesen sich als nicht rückzahlbar. Zudem verschwanden sie aus einem Depot bei der Berliner Bank – ein Vorgang, der für die Liquidatoren nicht nachvollziehbar ist.

Unmittelbarer Auslöser der aktuellen Zahlungsunfähigkeit der IG Farben ist der geplatzte Verkauf der 479 Wohnungen in Köln und Bochum an WCM. Nach Angaben von Pollehn und Bernhardt weigert sich der Vorstand von WCM vertragliche Pflichten zu erfüllen, weil WCM seinerseits in finanziellen Schwierigkeiten steckt. IG Farben erhebt gegen WCM Forderungen in Höhe von neun Millionen Euro, die sich aus einem 1993 geschlossenen Liquiditätshilfe-Vertrag ergeben sollen. WCM bestreitet diese Verpflichtung. Diese Wohnungen sind der wichtigste Vermögenswert der IG Farben. Sie stehen mit 38,4 Millionen Euro in den Büchern. Zugleich ist das Unternehmen mit 28 Millionen Euro bei Banken verschuldet.

Wäre der Verkauf der Wohnungen wie geplant über die Bühne gegangen, „hätten wir die Abwicklung von IG Farben Ende 2004 oder spätestens Ende 2005 beendet“, betonte Bernhardt. Ob allerdings dadurch noch Geld für Entschädigungen von Zwangsarbeitern übrig geblieben wäre, ist offen.

Die beiden Liquidatoren selbst sind sich keiner Fehler bewusst. Mitte 1999 hatten sie allerdings behauptet, die Finanzen der IG Farben seien konsolidiert, die Abwicklung befinde sich in geordnetem Fahrwasser. Gestern sagten Pollehn und Bernhardt, ihnen seien „die Höhen und Tiefen des ehemals größten deutschen Konzerns vor Augen geführt worden, die wir bis dahin nicht für möglich gehalten haben“. Dass der Restkonzern nicht ordnungsgemäß habe abgewickelt werden können „liegt an den zahlreichen Machenschaften im Umgang mit dem Restvermögen weit nach Ende des Zweiten Weltkrieges“. Ende der achtziger Jahre stand IG Farben zwar schon kurz vor der Auflösung, dann jedoch sorgte die Wiedervereinigung und angebliche Ansprüche auf ehemaliges Vermögen in Ostdeutschland für neue Fantasie. Hauptversammlungen der börsennotierten Gesellschaft wurden regelmäßig von Protesten gestört.

0 Kommentare

Neuester Kommentar