Wirtschaft : Die Illusion von der Drehscheibe zwischen Ost und West.

CHRISTOPH MARSCHALL

Handel mit OsteuropaVON CHRISTOPH VON MARSCHALL

An Sprachbildern für den frommen Wunsch der Berliner, eine besondere Rollezwischen West- und Osteuropa einzunehmen, mangelt es nicht.Als dann auchandere Städte und Länder Begriffe wie "Brücke", "Scharnierfunktion" oder"Nahtstelle" in inflationärer Weise für sich in Anspruch nahmen,reklamierte die deutsche Hauptstadt, sie sei die "Drehscheibe" für denHandel zwischen West und Ost.Doch wie verhält es sich da mit Wunsch undWirklichkeit?Seit die Mauer fiel und kein Eiserner Vorhang mehr die beiden Hälften desalten Kontinents trennt, haben sich die Rahmenbedingungen enorm verbessert.Der Wandel ist viel weiter fortgeschritten, als es die meisten wahrnehmen -für viele sind die Länder des ehemaligen "Ostblock" doch immer noch arme,etwas zurückgebliebene Brüder, die mehr Last als Chance bedeuten.Im Juli1996 jedoch erläuterte die Deutsche Bundesbank, das gelobte Land derdeutschen Wirtschaft liege nicht in Übersee, sondern direkt vor derHaustür: Ostmitteleuropa (OME) und Osteuropa (GUS) seien inzwischen einwichtigerer Markt als die USA und Fernost.Allein zwischen 1993 und 1995waren die deutschen Exporte um ein Drittel auf rund 60 Mrd.DM gestiegen.Die Wirtschaftsreformen in Osteuropa vernichten also keineswegs nur viaLohn-Dumping hiesige Jobs, sie sichern auch deutsche Export-Arbeitsplätze.Im Herbst legte das DIW in Berlin noch einen drauf: Bis zum Jahr 2000, sodie Prognose, werden sich die Umsätze im Handel mit Osteuropa nochmalsverdoppeln.Allein von 1995 auf 1996 vermeldet die Bundesstelle fürAußenhandel-Informationen (BfAI) einen Zuwachs der deutschenOME/GUS-Exporte um 18,6 Prozent.Von Januar bis November 1996 beliefen sichExporte (65,6 Mrd.DM) und Importe (56,7 Mrd.DM, plus 6,2 Prozent) auf122,3 Mrd.DM.In der Tat also beste Voraussetzungen für die BerlinerHoffnungen.Zumal keineswegs der ganze OME/GUS-Raum eine Boomregion ist.Rußland- und GUS-Handel entwickeln sich nicht so erfreulich, für diestarken Zuwächse sorgen vor allem Deutschlands direkte Nachbarn: Polen,das bei den Handelsumsätzen seit 1995 vor dem weit größeren Rußlandliegt, und Tschechien, dazu Ungarn - die drei Vorreiter unter denReformländern.Doch trotz der günstigen geographischen Lage haben dieIndustrieen von Berlin und Brandenburg an dem Boom geringen Anteil.DieExporte Berlins nach OME/GUS stagnieren bei 1,5 Mrd.DM jährlich (Zahlenfür 1994 und 1995).Nur die Importe von dort stiegen um 14,7 Prozent von1,14 (1994) auf 1,32 Mrd.DM (1995).In beiden Fällen ist der Anteil weitgeringer als es dem Bevölkerungsanteil der Stadt im Vergleich zumBundesgebiet entspricht.Und dies wiegt umso schwerer, als sich eingeographischer Standortvorteil sieben Jahre nach dem Umbruch bemerkbarmachen müßte - wenn er denn wirklich einer ist."Es ist ein StückIllusion zu glauben, daß man aus regionalen Gründen schon Vorteile hat",sagt Hartmann Kleiner, Hauptgeschäftsführer der UnternehmensverbändeBerlin-Brandenburg, nüchtern."Man kann den osteuropäischen Markt vonDüsseldorf aus genauso gut bearbeiten." Er widerspricht nicht der These,daß sich viele (West-)Berliner Unternehmer immer noch schwer täten, dieneue Situation als Chance anzunehmen.Sie waren es über Jahrzehntegewohnt, nur nach Westen zu blicken, und dank der Subventionen dem rauhenWind des Wettbewerbs weniger ausgesetzt.Als Hürden wirken da dieungewohnte Kultur in Osteuropa und die Sprachbarriere.Ganz so strengmöchte Alexander Eickelpasch von der Regionalabteilung Berlin-Brandenburgdes DIW mit den Berlinern nicht ins Gericht gehen.Er verweist auf dieWirtschaftsstruktur von Stadt und Umland.Am internationalen Handelbeteiligten sich nun mal vor allem große Unternehmen."Aber gerade diefehlen Berlin; bis auf Schering und drei, vier andere." Im gesamten Bundbeliefen sich die Exporterlöse pro Einwohner 1995 auf 8925 DM, in Berlinauf 3438 DM, in Brandenburg gerade mal auf 1393 DM."Die ostdeutscheWirtschaft ist extrem schwach exportorientiert, und Berlin bildet denMittelwert zwischen Ost und West." Innerhalb dieses geringerenHandelsvolumens sei die Orientierung nach Osten durchaus ausgeprägt, aberes reiche eben nicht, um das strukturelle Defizit wettzumachen.Dazuhätten sich manche Hoffnungen nicht erfüllt, wie die auf das"Rußland-Knowhow der Ostdeutschen".Auch Eickelpasch glaubt, daß der Wertder geographischen Nähe überschätzt worden sei: Hamburg liege imdeutschen Norden, aber seine Handelshäuser lieferten seit Jahrzehnten nachAfrika - "übrigens eine ähnliche Entfernung wie nach Rußland".Für ihnist "die Erfahrung entscheidend".Andererseits solle man nicht das Kind mitdem Bade ausschütten.Das Potential sei da, nur werde es wegen derStrukturprobleme noch nicht richtig genutzt.Hinzu kämen abschreckendeUmstände wie die Staus an den Grenzen und die verbreiteten Zweifel an derzuverlässigen Qualität osteuropäischer Produkte.Von Illusionen willJörg Schlegel, Geschäftsführer der Berliner Absatzorganisation BAOBerlin-Marketing Service GmbH, nicht sprechen - aber beim Wort"Drehscheibe" winkt er leicht genervt ab.Berlins künftige Rolle sei dieeines "Kompetenzzentrums" für den Osthandel."Wo sonst werden so vieleDienstleistungen für die Zusammenarbeit mit Mittel- und Osteuropageboten?" Hier hätten wichtige Forschungsinstitute undFortbildungsakademien ihren Sitz, auch das Osteuropa-Beratungszentrum derKreditanstalt für Wiederaufbau.Die mittelständische Berliner Wirtschaftsei im übrigen stärker am Osthandel beteiligt als es die Statistikausweise: als Zulieferer für Unternehmen im übrigen Bundesgebiet, diedann in die OME/GUS-Staaten exportieren.Für alle Osteuropäer, dieKontakte suchen, sei Berlin die erste Anlaufstelle.Hier seien dieBotschaften mit ihren Handelsvertretungen und hätten weltweite Konzerneihre Europa-Zentralen angesiedelt.An der Berliner Börse bildeten unterden 300 notierten Auslandswerten Aktien aus Tschechien, Ungarn, Polen undRußland ein schnell wachsendes Segment.Hat Berlin also eine besondereRolle im Wirtschaftsaustausch zwischen Ost und West zu spielen? DieSkeptiker glauben nicht mehr so recht daran, die Zuversichtlichen betonen:"noch nicht".Aber kaum einer verzichtet auf eine Bemerkung in derRichtung: Der Senat solle sich mal lieber um die Verbesserung derVoraussetzungen kümmern als nach immer neuen, möglichst einprägsamenSprachbildern zu suchen.

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