Wirtschaft : Die inneren Werte zählen Taschen leer – Beutel voll Vom Pausenhof zur Party

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Geldbeutel, Handy, Lippenstift, ein Buch, Taschentücher und der Schlüsselbund und noch viel mehr muss in einer guten Handtasche Platz finden. „Das Innenleben der Taschen ist genauso wichtig wie das Äußere“, sagt Andrea Schmidt-Löwe vom KaDeWe. Sie besteht darauf: Beim Taschenkauf zählt nicht nur die Optik. „Die meisten Kundinnen gucken sich die Taschen als erstes von innen an.“ Die lässige Schultertasche zum Stadtbummel oder die kleine Schwarze für den Abend, beide kommen heute ohne Handy-Fach nicht mehr aus. Und je größer die Tasche, desto mehr Innentaschen und Unterteilungen sind gefragt. Alles soll schön übersichtlich sein. Aber auch in der praktischsten Tasche findet man den Haustürschlüssel gerade dann nicht, wenn es aus Kübeln gießt.

„Besonders die Deutschen schauen auf Funktionalität“, sagt Christine Rippstein von den Galeries Lafayette. Ganz anders die extravagante Französin – ahnten wir es nicht schon immer? „Eine Französin kauft eine Tasche, wenn sie schön und modisch aussieht. Die Qualität ist da nicht so wichtig“, so Rippstein. Noch eine deutsche Spezialität: „Man muss die Taschen richtig schließen können. Reißverschluss oder Druckknopf sind Musts.“

Angesagt sind Umhängetaschen mit Überschlag, bei Männern und Frauen. Die kann man beim Fahrradfahren so schön vorne quer rüber tragen. Und selbst noch ein Aktenordner oder der Laptop passen hinein. Im mittleren Preissegment kommen jetzt auch die Rucksäcke zurück. Besonders Touristinnen wissen die Vorteile der Rucksäcke zu schätzen. „Viele wollen bei ihrer Tour durch Berlin die Hände frei haben und kaufen sich bei uns einen Rucksack“, berichtet Schmidt-Löwe vom KaDeWe. Der Rucksack zum Shoppen heißt natürlich schon längst nicht mehr Rucksack, sondern „Citybag“.

Seglersäcke, Bowlingtaschen und neuerdings Satteltaschen, Brustbeutel und sogar Einkaufstüten – immer öfter wechseln Taschen aus der funktionalen Ecke hinüber ins modische Accessoire-Geschäft. Manche überleben den Sprung allerdings nur als Zitat. In die glitzernden Mini-Rucksäcke, die man im vergangenen Jahr in den Clubs gesehen hat, ging noch nicht mal eine dicke Brieftasche hinein.

Bei der Fußballweltmeisterschaft 1962 brachten die Spieler ihre Schuhe, T-Shirts und Hosen in einer braunen Ledertasche mit goldenem Adidas-Emblem ins Stadion. Heute ist genau diese Tasche die angesagteste Wochenendtasche. Sie ist eben so praktisch. Und in das Innenfach für die Turnschuhe passen genauso gut feine Riemchensandalen. hin

Von Claudia Keller

Frauen träumen von Modellkleidern - deshalb kaufen sie Handtaschen. Mit dieser Gleichung machen die Modekonzerne Geld. Im Augenblick machen sie nur damit Geld. Gucci, Prada, Yves Saint Laurent und Dior – ihr Image wird von der großen Mode bestimmt. Und sie alle erwirtschaften die Hälfte ihres Umsatzes mit Handtaschen.

Denn: Die Liebe der Frauen zur Handtasche lässt sich nicht erschüttern, auch nicht durch eine schlechte Konjunktur. Schon gar nicht durch die schlechte Konjunktur. Bei Dior ist es „der Bereich, der immer noch am stärksten wächst“, bei Prada „der einzige Sektor, der kontinuierlich wächst“. „Handtaschen verkaufen sich selbst in der Wirtschaftskrise“, sagt die Gucci-Sprecherin. 212 Millionen US-Dollar hat das italienische Modehaus im vierten Quartal 2002 mit Taschen erwirtschaftet, 422 Millionen US-Dollar betrug der Gesamt-Erlös weltweit.

Auch in Deutschland: Der Käuferstreik trifft die Elektrozahnbürste und den neuen Computer, die Markenjeans und den Turnschuh. Aber nicht die Luxus-Handtasche. Nach Auskunft des Instituts für Handelsforschung gehörten Lederwaren mit einem Umsatzzuwachs von einem Prozent neben Lebensmitteln (plus zwei Prozent), Uhren (plus zwei Prozent) und Büchern (plus ein Prozent) selbst im Krisenjahr 2001 zu den Gewinnern.

„Die Käufer sind nicht mehr bereit, jeden Preis zu zahlen“, sagt Ilona Sauerbier vom Fachmagazin „Textilwirtschaft“. Nur, dass das nicht heißt, dass sie billige Ware kaufen. Sie überlegen länger und achten mehr auf hochwertige Qualität. Und dafür bezahlen sie dann auch mehr.

In diesem Sommer sind es große Umhänger, Tütentaschen und Knautschbeutel. Man kann alles hineinstopfen, und sie sehen gut aus. Es gibt Dinge, die erst nach Monaten aus den Tiefen dieser Taschen wieder hervorkommen, eins kann man den neuen Taschen nun wirklich nicht nachsagen: dass sie verraten würden, was in ihnen steckt. Die Taschenpsychologen der Luxuskonzerne behaupten, sie könnten die Seele einer Frau an ihrer Tasche ablesen. Und jetzt wissen sie, „dass die Frauen entspannter und weicher werden“. Das meint jedenfalls der Gucci-Designer Tom Ford.

Zickentäschchen – das sind die kleinen drei- und viereckigen Taschen zum Unter-den-Arm-klemmen, die uns vor drei Jahren noch als extravagante Abendtaschen begegneten – sind total out. Genau so wie jene strengen schwarzen Shopper-Taschen fürs Business, vor deren Kanten man sich in Acht nehmen musste.

Prada und Gucci geben diesen Sommer mit halbmondförmigen Taschen den Ton an. Pradas Moon-Serie ist ab 495 Euro zu haben, die Austin-Line von Gucci kostet ab 515 Euro: Beiges Velours und champagnerfarbenes Nappa, oft im Mix mit synthetischen Stoffen. Die Taschen sind leichter geworden, wirken naturbelassener und verführen zum Anfassen – eine haptische Sensation, sagen die Psychologen. Und: Für einen Sommer sind diese Taschen die besten Freunde fürs Leben: Man kann sie überall hin schleppen, ins Büro genauso wie auf den Cocktailempfang. Wer will schon dreimal am Tag umpacken? Im kommenden Winter bleibt es beutelig, und das Leder sieht aus, als hätte man damit den Partykeller gewischt. „Authentisch“, Vintage-Look, wie Wein aus einem alten, teuren Jahrgang. Außerdem werden demnächst Trapperinnen durch die Cafés ziehen: Die hochwertig verfärbten und verblichenen Leder sind mit Fell- und Pelzapplikationen auf Wildwest getrimmt. Einige Winterbeutel zum Beispiel von Strenesse werden ganz aus Fell sein.

Wem es bei den Preisen doch ein bisschen mulmig wird, der guckt sich zuerst die Mode an, dann die Taschen - und kauft dann einen Gürtel. Für die Designer war die Kaufkraft-Hackordnung der Anlass, ihre Taschen diesen Sommer zu umgürten und mit großen Metallschnallen zu verschließen, heißt es bei Prada. Es gab einfach verdächtig viele Gürtel-Kunden. Außerdem verstärkt der Gürtellook den Eindruck des Bodenständigen. Und das geht immer gut in der Rezession.

Neben dem soliden Allroundshopper haben sich seit diesem Sommer aber auch romantisch verspielte Variationen im Ethno-Look durchgesetzt. Dior macht es mit wildem Gaucho-Look vor: bunt gewebte Stoffe im Mix mit hellem Naturleder, Fransen und Sheriff-Sternen, Federn und Glasperlen. Selbst auf Satteltaschen muss die Stadtindianerin nicht verzichten.

Wer’s femininer will, greift zu Besticktem, Geblümtem, Be- und Ausgefranstem. Ethno bei Prada: Griffe aus Bambus. Yves Saint-Laurents „Mombasa“-Tasche im Safari-Look mit Horngriffen und Fransen für 756 Euro war innerhalb von wenigen Tagen in New York ausverkauft, nachdem Nicole Kidman sie fotogen über einige Filmfestivals geschleppt hatte.

Und dann, spätestens in zwei, drei Jahren, wenn das Süßliche, Weiche, Haptische verdaut ist. Dann schlägt wieder die Stunde der Zicken.

Bei der Haute Couture heißt es „die Frauen werden entspannter“. Bei Szene-Taschen gilt auch in diesem Sommer „immer schön locker bleiben“. Die lässigen Modelle sind aus gewaschener Baumwolle oder Veloursleder. An langen Riemen baumeln sie über die Schulter oder werden vornüber geschnallt. Ausgewaschene, abgerissene Jeans sind nach wie vor die Basis des Outfits für jeden, der zwischen 14 und 35 cool sein will. Die Tasche gibt den Stil an, sie entscheidet, ob das Outfit lässig oder ladylike wirkt.

Rucksäcke sind genauso out wie schrille Farben. Jetzt ist wieder Tarnung angesagt. Mit Schwarz, Braun, Sand- und Grüntönen im Camouflage-Muster und Military-Anklängen fällt man garantiert auf keiner Party mehr auf. Die Taschen sehen schon vom ersten Tag an so abgewetzt aus, als hätte man ein ganzes Studium in überfüllten Hörsälen damit zugebracht. Lässig heißt eben auch praktisch.

Direkt neben dem Militärischen blümt und franst, perlt und muschelt es im schönsten Hippy-Look. Üppige Stickereien, Paspelierungen und Applikationen, wohin man schaut. Und gleich wird’s bunter, Frau kann in allen erdenklichen Rot-, Rosa- und Blauschattierungen schwelgen und sich dabei wahlweise als Cowboy, Meerjungfrau oder Elke Sommer in ihren besten Zeiten fühlen. Im Winter kommt noch Fell dazu, und die Leder werden weicher.

Baguettetäschchen, Beutel, Umhänger oder geräumige Shopper, den Formen sind kaum Grenzen gesetzt, wenn nur keine Kanten dran sind.

Und wer weder auf Militär-Look steht noch auf Rüschen und Blümchen, für den gibt’s nach wie vor die sportlichen Taschenvarianten. Aber wie gesagt: Rucksäcke sind out. Aber wie wär’s damit: Der Camper-Schuh mit seinen typischen blauen Streifen auf rotem Grund oder Dunkelbraun auf Beige und auf jeden Fall mit Noppen als Handtasche? Die spanische Firma Alaluna, eine Hugo-Boss-Tochter, hat die Schuh-Tasche für 115 Euro auf den Markt gebracht.

Oder wie wär’s mit dem guten alten Turnbeutel, in dem man früher seine Sportschuhe in die Schule schleppte ? Jaja, genau diese Leinenbeutel zum Zuziehen, mit denen man sich ab einem bestimmten Alter besser nicht mehr sehen ließ, wenn man nicht als Muttersöhnchen dastehen wollte. Die sind nun die neuen Renner bei Adidas und Puma. Tja, hätte man doch besser mal aufgehoben... Nicht so schlimm, die Neuen kosten nur 9,90 Euro und sind aus abwaschbarer Synthetik.

Purer Gag? Weit gefehlt. Das Trendbüro Hamburg weiß es besser: „Mit solchen Sporttaschen wird ein Lebensgefühl auf die Straße getragen.“ clk

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