Wirtschaft : Die Iren verdanken der Europäischen Union viel

MARTIN PÜTTER

Nach dem EWG-Beitritt ginges mit der grünen Insel bergauf / Heute trübt nur noch die Arbeitslosigkeitdie ErfolgsbilanzVON MARTIN PÜTTER

Es wird ernst auf dem Weg zur Europäischen Währungsunion.Aber wieüberzeugt sind unsere Nachbarn von der Idee Europa wirklich? UnsereKorrespondenten zeichnen ein Stimmungsbild.Die Iren sind zu beneiden.Ihre Wirtschaft boomt derart, daß der irische Finanzminister dieses Jahrentscheiden konnte, wieviel Steuererleichterungen er den BŸrgern undUnternehmen gewährt.In der Haushaltsdebatte Anfang des Jahres senkte Ruairi Quinn den Steuersatz fürdie unterste Einkommensklasse um ein Prozent auf 26 Prozent - für dienächsthöheren Einkommens- klassen beträgt der Steuersatz jedochweiterhin bis zu 48 Prozent - sowie die Unternehmenssteuer von 38 auf 36Prozent, und die staatlichen Sozialversicherungsbeiträge wurden ebenfallsgesenkt.Möglich wurde das, weil die irische Regierung im vergangenen Jahreinen Haushaltsüberschuß von mehr als 770 Mill.DM erwirtschaftet hatte.Nun wird die irische Regierung zwar über 1,7 Mrd.DM weniger einnehmen alsim abgelaufenen Finanzjahr, dennoch, so glaubt Finanzminister Quinn,würden die Steuereinnahmen der Koalitionsregierung in Dublin um etwa sechsProzent steigen.Das deutet an, wie gut es der irischen Wirtschaft geht -das Wachstum, das im abgelaufenen Jahr knapp sieben Prozent betrug, wirdfür das kommende Jahr auf 5,5 Prozent geschätzt, sowie 4,5 Prozent fürdie beiden darauf folgenden Jahre.Die Inflationsrate liegt bei 1,6 Prozentein, die jährliche Staatsverschul-dung beträgt 1,5 Prozent. Irlanderfüllt die Konvergenzkriterien für die Europäische Währungsunionlocker, und das nicht erst seit kurzem.Der schwarze Fleck auf derwirtschaftlich weißen Weste ist jedoch die Arbeitslosigkeit, die auf dergrünen Insel fast schon traditionell hoch ist und zuletzt immer noch beiknapp 12 Prozent lag.Doch seit einigen Jahren ist die Tendenz deutlichfallend.Immerhin hatte die Arbeitslosenquote Ende der 80er Jahre nochüber 18 Prozent betragen.Der erfreuliche Trend setzt sich fort. Die inder Vergangenheit ebenfalls traditionelle Auswanderung als Mittel gegenArbeitslosigkeit hat sich in eine langsam steigende Rückwanderungswelleumgewandelt.Und daran hat die Industrial Development Agency (IDA) Anteil.Das halb staatliche, halb private Wirtschaftsförderungsinstitut Irlandsträgt mit finanziellen Zuschüssen für Unternehmen zu einem großen Teilzu dem beachtlichen Wirtschaftswachstum und zur Schaffung von neuenArbeitsplätzen bei, und sie war mitverantwortlich dafür, daß die irischeRegierung für einzelne inländische Wirtschaftszweige und fürausländische Investoren die Unternehmenssteuer auf 10 Prozent gesenkt hat.Mit niedrigen Lohnkosten, vielen gut ausgebildeten Arbeitskräften,moderaten Inflationszahlen und günstigen Steuern ist es auch kein Wunder,daß zahlreiche Unternehmen in Irland investieren und dort Betriebeeröffnen.Wem sie das letztlich zu verdanken haben, wissen die Iren ganzgenau: Der Europäischen Union, der sie vor bald 25 Jahren zusammen mitGroßbritannien und Dänemark beigetreten waren, als sie noch EWG hieß.Damals gehörte Irland im Vergleich zu anderen europäischen Nationen zueinem der ärmsten und wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Länder. Die Handelsabhängigkeit von Großbritannien betrug in den sechziger Jahrennoch 80 Prozent.Aber nach der politischen Trennung wollten die Iren auchvon der wirtschaftlichen Dominanz der einstigen Kolonialmacht wegkommen,und dabei sollte der EWG-Beitritt helfen.Es gelang: In der Handelsbilanzist der Anteil Großbritanniens mittlerweile auf 30 Prozent gesunken.KeinWunder, daß in Irland die Kritik an der EU und an der Währungsunionverschwindend klein ist.Auch das Verhältnis zu Deutschland ist ganzanders als in Großbritannien, weder feindlich noch neidisch."DeutscheFirmen sind die drittgrößten Investoren in Irland, nach amerikanischenund britischen Unternehmen", erklärt Finn Gallen von der IDA, "insgesamtsind 160 deutsche Unternehmen hierher gekommen und haben über 11000Stellen geschaffen." Die Gewerkschaften und die Arbeitsgesetze, welche dasVerhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern regeln, sind nachdeutschem Vorbild entstanden. Die historischen Beziehungen spielen einegroße Rolle beim Verhältnis zu Deutschland."Die Iren haben sich niebedroht gefühlt von den Deutschen", sagt Rainer Zimmermann, Rektor der St.Kilians German School in Dublin.Während des ersten Weltkrieges hattenIren in Deutschland um Unterstützung für den Unabhängigkeitskampfgebeten, im zweiten Weltkrieg war Irland neutral.Also herrschten auf dergrünen Insel keine Vorbehalte gegenüber Deutschland.Zudem scherzen dieIren, daß letztlich Deutschland die neuen Straßen auf der grünen Inselgebaut hat - weil Deutschland der größte Beitragszahler an die EU ist undIrland immer noch hohe Subventionen aus Brüssel erhält (insgesamt sechsProzent des Bruttosozialprodukts).Doch wenn der Aufschwung weiter anhält,werden eines Tages die öffentlichen Hilfen geringer ausfallen.AUCH DIEJUNGEN können bleiben.Früher mußten viele Iren ihr Land verlassen, umzu überleben.

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