Wirtschaft : Die Japaner rechnen mit einer harten Einheitswährung

ANDREAS GANDOW ((HB))

TOKIO .Angesichts der Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten wird die Einführung des Euro von japanischen Ökonomen ausdrücklich als Stabilitätsfaktor begrüßt.Tetsuji Murase, Chef-Ökonom der Bank of Tokyo-Mitsubishi, rechnet so mit der Entwicklung eines internationalen Währungssystems mit zwei Leitwährungen, dem US-Dollar und dem Euro.Mittelfristig zeichne sich hierbei eine Festigung des Euro gegenüber dem Dollar ab, da die EU im Gegensatz zu den USA ein Leistungsbilanzdefizit erwirtschafte.Als Element der Instabilität gilt daneben auch die hohe Auslandsverschuldung der USA.

Doch der Blick der Japaner bleibt in erster Linie nach innen gewandt.Japans Wirtschaft befindet sich gegenwärtig in der schwersten Krise seit Beginn des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Koreakrieg.Im laufenden Fiskaljahr 1998/99 (April bis März) wird die Wirtschaft weiter drastisch zwischen 1,5 und zwei Prozent schrumpfen.Insbesondere trägt hierbei die Regierung von Ministerpräsident Hashimoto (Januar 1996 bis Juli 1998) große Verantwortung.

Gegenwärtig ist noch nicht absehbar, ob diese Depression, die zyklische, vor allem aber strukturelle und auch gefühlsbestimmte Ursachen hat, im kommenden Fiskaljahr mit den jetzt beschlossenen Gesetzen zur Stabilisierung des Bankensystems und den bis Ende des Jahres geplanten weiteren Konjunkturmaßnahmen nachhaltig überwunden werden kann.Die Industrial Bank of Japan, das führende private Finanzinstitut für längerfristige Unternehmenskredite, rechnet so in ihrer Anfang Oktober vorgelegten Prognose im nächsten Fiskaljahr 1999/2000 insgesamt mit einer weiteren realen Kontraktion der Wirtschaft von knapp einem halben Prozentpunkt.Begründet wird diese Einschätzung damit, daß die Konjunkturprogramme nur eine vorübergehende Wachstumsstütze darstellten und mit einem Übergang zu einem sich selbst tragenden Aufschwung kaum zu rechnen sei.Hinzu treten jetzt als externe Belastung die markante Yen-Aufwertung sowie die Verlangsamung des Wachstums in den USA, aber auch in der EU.

Eine Mitte Oktober durchgeführte Umfrage der führenden japanischen Wirtschaftszeitung "Nikkei" ergab so, daß 90 Prozent der befragten Japaner vorerst eher mit einer Verschlechterung der Wirtschaftslage rechnen.Unter Berücksichtigung der innerbetrieblichen Überbeschäftigung sind, so japanische Berechnungen, tatsächlich jetzt bereits zwischen vier und sieben Millionen arbeitslos.

Diese Verschlechterung der Wirtschaftslage, die auch für die Beschäftigten in den vergangenen Monaten zu Einkommensverlusten geführt hat, aber auch die zunehmende Skepsis in die Solidität und Leistungsfähigkeit des Rentensystems haben zu einer deutlichen Steigerung der Sparquote und Drosselung des Konsums aber auch der privaten Wohnungsbautätigkeit geführt.Gleichzeitig haben die Unternehmen angesichts der ungünstigen Absatzentwicklung im Inland aber auch auf den wichtigen Exportmärkten in Asien ihre Investitionen im laufenden Geschäftsjahr stark reduziert.Insbesondere Klein- und Mittelbetriebe aber auch Großunternehmen sind zudem von der Drosselung der Kreditvergabe der japanischen Banken betroffen, die durch eine Reduzierung des Kreditgeschäfts versuchen, ihre Bilanzstruktur und Eigenkapitalausweis zu verbessern.Konsequenz ist ein dramatischer Anstieg der Konkurse.

Die aktuelle Wirtschaftskrise ist vor allem Ergebnis einer verfehlten Politik: Einerseits wurde seit Beginn der 90er Jahre versäumt, die schweren Probleme des Bankensystems, das mit einem enorm hohen Volumen von notleidend gewordenen Krediten belastet ist, in den Griff zu bekommen und frühzeitig zu bewältigen.Ministerpräsident Obuchi bezifferte jetzt dieses Problemvolumen mit rund 100 Billionen Yen (rund 1,4 Billionen DM), was rund 17 Prozent des gesamten Kreditvolumens entsprechen würde.Diese Kredite waren von den Banken in der zweiten Hälfte der 80er Jahre direkt oder indirekt für spekulative Börsen- und Grundstücksgeschäfte gewährt worden.In den 90er Jahren führte die hartnäckige Flaute und dann auch die Asienkrise zu einem weiteren Anstieg dieser weitgehend nicht mehr einbringbaren Forderungen.Andererseits bewirkten ein höherer Mehrwertsteuersatz von fünf nach drei Prozent, der Wegfall einer Steuerentlastung für Einkommensbezieher sowie höhere Sozialabgaben im Laufe letzten Jahres zu einer scharfen Abkühlung der Binnennachfrage.

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