Wirtschaft : Die Japankrise erreicht Europas Börsen

FRANKFURT (rtr).Die Talfahrt des Yen hat am Montag auch die europäischen Aktienbörsen unter Druck gesetzt.Der Deutsche Aktien-Index (Dax) gab um 2,5 Prozent auf 5527,32 Punkte nach.Die Anleger flüchteten in öffentliche Anleihen: deren durchschnittliche Rendite fiel auf das Rekordtief von 4,56 Prozent.Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer forderte Japan auf, seine Probleme mit vertrauenschaffenden Entscheidungen zu bewältigen.

Die deutschen Aktien gaben am Montag im Präsenzhandel im Schnitt drei Prozent ab.Mehr als vier Prozent verloren BMW, Siemens und insbesondere RWE (siehe Grafiken).Bei RWE spiele unter anderem die anhaltende Diskussion um die Castortransporte eine Rolle, hieß es.Wenn die Transporte untersagt würden, bekomme das Unternehmen in seinem Atomkraftwerk Biblis ein Entsorgungs-Problem.Vergleichsweise in Grenzen hielten sich die Verluste dagegen bei den Nebenwerten (siehe Börsenbericht Seite 24).

Während die europäischen Börsen noch vergleichsweise gelassen auf den neuen Ausbruch der Asienkrise reagierten, beschleunigte sich an den internationalen Märkten die Talfahrt der japanischen Währung am gestrigen Nachmittag - zumal die Spekulation gegen den Yen im Amerika begrüßt wird.Ein starker Dollar sei mittelbar im Interesse der USA, weil dadurch Inflationsgefahren und die Gefahr einer weiteren konjunkturellen Überhitzung gedämpft würden, erklärten Analysten.Für den Dollar mußten am Montag in Europa am Nachmittag mehr als 146 Yen bezahlt werden, so viel wie seit acht Jahren nicht mehr.Dies brachte auch die DM unter Druck.Erstmals seit Mitte April kostete in Frankfurt der Dollar mehr als 1,81 DM.

Investoren, die sich aus den risikoreichen Aktienmärkten zurückzogen, besannen sich gestern auf Anleihen.In Frankfurt trieb der Ansturm auf Bundesanleihen den Kurs des Terminkontrakts der zehnjährigen Referenzanleihe auf ein Allzeithoch von 108,62 Zählern, die durchschnittliche Umlaufrendite sank auf einen historischen Tiefststand von 4,56 (Freitag 4,60) Prozent.

Der Rückgang an den Börsen, der in Europa und den USA als längst überfällige Korrektur gewertet wird, löst an den asiatischen Märkten tiefe Sorgen aus.Der Nikkei-Index, das Kursbarometer der Tokioter Börse, fiel am Montag erstmals seit fünf Monaten unter die wichtige Marke von 15 000 Punkten und endete mit einem Verlust von 1,31 Prozent bei 14 825,17 Zählern.Keine Entwarnung kam von der Konjunktur, im Gegenteil: Die japanische Industrieproduktion ging im April unerwartet stark zurück, der Außenhandelsüberschuß stieg dagegen mit 10,3 Prozent deutlich langsamer als erwartet.Dies liege unter anderem daran, daß die Nachbarländer, seit Monaten von der Krise geschüttelt, immer weniger in Japan einkaufen.Händler sagten, sie rechneten nicht mehr damit, daß es mit den japanischen Aktienkursen auf absehbare Zeit deutlich bergauf gehe.Somit seien auch weitere Zusammenbrüche japanischer Bankhäuser zu erwarten.

Auch in Hongkong gaben die Aktienkurse gestern kräftig nach.Der Hang-Seng-Index zeigte am Ende des Handelstags 7462,50 Punkte an, ein Minus von 5,72 Prozent.Stark steigende Zinsen und die höchsten Arbeitslosenzahlen seit 15 Jahren trugen zu dem Kurssturz bei.Der Kospi-Index der Börse in Seoul fiel um 4,82 Prozent auf 288,21 Punkte.In Bangkok sanken die Kurse um 5,72 Prozent, in Singapur um 3,54.

Bundesbank-Präsident Tietmeyer forderte auf einer Feierstunde zur Einführung der D-Mark vor 50 Jahren in Rothwesten, die internationalen Anleger sollten sich wieder stärker an den volkswirtschaftlichen Grunddaten orientieren.Zudem müsse Japan das Vertrauen erwecken, daß es seine Probleme lösen könne.Der britische Premierminister Tony Blair warnte zu Beginn des EU-Gipfels in Cardiff, daß die europäischen Volkswirtschaften aus der Asienkrise nicht unbeschädigt hervorgehen würden.Blair bezeichnete die Krise nach Angaben seines Sprechers als "größtes Risiko für die Weltwirtschaft seit 20 Jahren".UN-Generalsekretär Kofi Annan warnte, die Asien-Krise könne sich auf die ganze Welt ausdehnen.Der IWF-Asien-Pazifik-Direktor Kunio Saito erklärte dagegen auf einer Konferenz in Bangkok, er gehe davon aus, daß die Talsohle in Japan erreicht sei und die Wirtschaft sich in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas erhole.

Die Auswirkungen der Asienkrise auf andere Regionen werden nach Ansicht der Deutschen Bank unterschätzt.Vor allem in Japan sei die Lage viel ernster als zunächst angenommen, sagte Konzernchef Rolf Breuer.Das Land könne wegen seiner eigenen Probleme keinen positiven Einfluß auf die anderen notleidenden Staaten in der Region ausüben.Japan sitze "in einer klassischen Falle", obwohl es vergeblich alles unternommen habe, um aus der Krise zu kommen.Hier hätten viele Menschen noch nicht verstanden, welche negativen Folgen dies weltweit haben könne.

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