Wirtschaft : Die Kämpfer für die Stabilität geben auf

CORINNA VISSER

BERLIN .Es war nur eine kurze Mitteilung, die am 24.November an die Öffentlichkeit ging: "Die Gemeinschaft zum Schutz der deutschen Sparer stellt zum 31.Dezember 1998 ihr Tätigkeit ein." Das Ende einer Institution, die - 1956 gegründet - die Deutsche Mark über 42 Jahre begleitet hat.Die offizielle Begründung lautet: Mit dem Euro gehe die währungspolitische Souveränität von Deutschland auf die Europäische Union über und die stabilitätspolitische Diskussion verlagere sich darum auf europäische Ebene.In Europa könne eine deutsche Sparerschutzgemeinschaft ihre gewohnte Rolle als Verfechterin der Geldwertstabilität nicht mehr spielen.Diese Rolle müsse jetzt eine europäische Organisation übernehmen, die es - nebenbei bemerkt bisher jedenfalls noch - gar nicht gibt.

Die Öffentlichkeit staunte.Gerade in einer Situation, in der sich die deutschen Sparer über den Abschied von der harten D-Mark grämen und in der sie fürchten, ein weicher Euro könnte ihr angespartes Vermögen auffressen, löst sich eine Organisation auf, die sich immer für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik stark gemacht hat und die sich sehr wohl auch für einen stabilen Euro hätte stark machen können.Und außerdem: Wieso sollte eine etablierte und anerkannte deutsche Organisation auf europäischer Ebene plötzlich nichts mehr zu sagen haben - zumal die Europäische Zentralbank ihren Sitz in Frankfurt (Main) und damit in Deutschland hat?

Nahe liegt da der Verdacht, daß der offizielle nicht der wahre Grund ist.Wahrscheinlicher scheint es, daß man die mahnenende Stimme der Schutzgemeinschaft nicht mehr hören wollte."Nur knappes Geld ist gutes Geld", sagt der Geschäftsführer Werner Steuer.Darüber habe es immer mal wieder Differenzen gegeben mit den Trägern der Schutzgemeinschaft.Das sind nämlich die Verbände der Banken und Sparkassen sowie der Versicherungswirtschaft.Schließlich sind die von geschäftswegen an reichlich und damit an billigem Geld interessiert.Es sei gerade das besondere an der Schutzgemeinschaft gewesen, daß sie sich über die Jahre freigestrampelt und eine eigene Haltung eingenommen habe, sagt Steuer.

Die Schutzgemeinschaft habe niemals nein gesagt zum Euro.Sie habe den Weg zur neuen Währung "konstruktiv kritisch" begleitet und immer gefordert, die Einhaltung der Konvergenzkriterien auch tatsächlich ernst zu nehmen."Das haben die Politiker immer versprochen und sich dann doch nicht daran gehalten", sagt Steuer.

Am 2.Mai 1998 sei eine politische Grundsatzentscheidung für die Gemeinschaftswährung getroffen worden - keine geldpolitische Entscheidung.Mit ihrer konsequent kritischen Haltung machte sich die Sparerschutzgemeinschaft bei den Politikern, die längst auf den Euro abgefahren waren, immer unbeliebter und schließlich auch bei ihren Trägern.

"Der Euro soll Europa einen und Frieden stiften.Ich fürchte aber, daß er eine ständige Quelle von Querelen sein wird", sagt Steuer.Es gebe keine europäische Stabilitätskultur, das heißt, keine gemeinsamen Überzeugungen über die Geld-, Finanz- und Wechselkurspolitik.Selbst die deutsche Stabilitätskultur werde durch die neue Bundesregierung in Frage gestellt."Die Signale stehen auf Konsum und leichterem Geld - das ist nicht der Stoff aus dem Stabilität entsteht."

Es wäre also gerade die rechte Zeit für die Schutzgemeinschaft und ihren Vorsitzenden, die Ärmel hochzukrempeln und für einen stabilen Euro zu kämpfen.Statt dessen geht Steuer - mit einem lachenden und einem weinenden Auge - zwei Jahre früher als geplant in den Ruhestand.

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