Wirtschaft : Die Käufer streiken immer noch

Der Einzelhandel erwartet auch im kommenden Jahr kein Ende der Konsumflaute / Kritik an höheren Abgaben

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Berlin (dr/msh). Der deutsche Einzelhandel kommt nicht aus der Talsohle heraus und will eine Rezession in Deutschland nicht ausschließen. „Für das kommende Jahr müssen wir unsere Umsatzprognose auf nominal minus 0,5 Prozent zurücknehmen“, sagte der Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Hermann Franzen, am Freitag vor Journalisten in Berlin. „Der private Konsum wird im kommenden Jahr als belebendes Element absolut ausfallen.“

Noch im September war Franzen für das kommende Jahr von einem leichten Umsatzplus von nominal rund einem Prozent ausgegangen. Für das laufende Jahr erwartet der HDE nach eigenen Angaben weiter ein Umsatzminus von nominal 2,5 Prozent, was nach Abzug der Inflationsrate etwa einem Rückgang von drei Prozent entspreche. Franzen beklagte, der Einzelhandel verzeichne die schlechteste Entwicklung seit dem Kriege. „Seit zehn Jahren treten wir auf der Stelle, die realen Umsätze bewegen sich auf dem Niveau von 1992“, sagte der HDEPräsident. Er nehme im Übrigen die Warnung vor einer Deflation sehr ernst.

Insbesondere für viele kleine und mittlere Einzelhandelsunternehmen bleibe die Lage äußerst prekär. Dem Pleitenrekord mit 8000 bis 10000 Insolvenzen im laufenden Jahr werde im kommenden Jahr womöglich ein weiterer folgen, befürchtet Franzen. Zwei Drittel der Pleiten entfallen auf die neuen Bundesländer.

Nach den ersten Beschlüssen der Bundesregierung habe die Hoffnung auf ein halbwegs versöhnliches Weihnachtsgeschäft, das die Lage insgesamt ein wenig verbessern könnte, einen kräftigen Dämpfer erfahren. Die privaten Verbraucher hätten durch die steuer- und finanzpolitischen Beschlüsse von Rot-Grün alles in allem eine Zusatzlast von mehr als zehn Milliarden Euro zu tragen, hat der HDE errechnet. Mindestens die Hälfte, wenn nicht sogar zwei Drittel der zehn Milliarden Euro würden die Verbraucher beim Einzelhandel einsparen, befürchtet der Verband.

Für den Handel besonders beklagenswert sei, dass sich die höheren Belastungen auf die Bevölkerungsschichten konzentrierten, die auch in wirtschaftlich schlechteren Zeiten noch relativ ausgabefreudig seien. „Das Konsumklima wird sich vermutlich längere Zeit nicht erholen“, sagte Franzen. Discounter wie Aldi oder Lidl würden sich weiterhin relativ gut entwickeln, für den Rest aber sehe es sehr bitter aus. Die jüngsten Zahlen geben ihm Recht. Nach einem Bericht der „Lebensmittelzeitung“ sind bei Deutschlands größtem Discounter Aldi Gewinn und Umsatz förmlich explodiert. Der Umsatz sei im vergangenen Jahr zweistellig gewachsen, die Gewinne seien bei einigen Regionalgesellschaften um bis zu 13 Prozent gestiegen.

Franzen fürchtet, dass diese Entwicklung weitere Arbeitsplätze kosten wird. Zu Jahresbeginn 2002 beschäftigte der Einzelhandel noch rund 2,83 Millionen Menschen, davon rund die Hälfte in Teilzeit. „Allein in diesem Jahr gehen 20 000 bis 30 000 Arbeitsplätze verloren, im kommenden Jahr wird dies nicht anders aussehen“, warnte Franzen.

Auch bei den Einzelhandelskonzernen wächst die Verbitterung über die Pläne der Regierung. „Deutschland braucht klare Signale für Wachstum und Beschäftigung. Nur so bekommen wir im Handel wieder ein positives Konsumklima“, sagte Metro-Chef Hans-Joachim Körber dem Tagesspiegel. Die Pläne der Bundesregierung bewirkten jedoch das genaue Gegenteil. Die „negative Grundstimmung“ der Menschen werde nicht durchbrochen.

In den vergangenen Monaten hat die Konsumflaute die Händler zu Preissenkungen und Rabattaktionen in großem Umfang gezwungen. Aber: „Damit nehmen sich die Händler die Umsätze der Zukunft“, sagt Hans-Christian Limmer, Handelsexperte der Unternehmensberatung Roland Berger.

Unterdessen verdunkelt sich auch in den USA die Stimmung der Konsumenten. Der Index des Verbrauchervertrauens sank im Oktober auf 80,6 Punkte von 86,1 Punkten im Vormonat. Berechnet wird der Index von der Universität Michigan, die 500 Haushalte zu ihren geplanten Ausgaben befragt.

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