Wirtschaft : Die Kasse des IWF ist fast leer

DIETRICH ZWÄTZ (HB)

WASHINGTON .Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird von seiner eigenen Großzügigkeit eingeholt.Weil er vor drei Jahren Mexiko einen Kredit bis zu 17,8 Mrd.Dollar zugesagt hatte - und damit nach den USA der zweitgrößte Nothelfer des mittelamerikanischen Landes war -, weil er in den asiatischen Finanzkrisen von 1997 sofort 17,4 Mrd.Dollar für Thailand, Indonesien und Korea bereitgestellt hatte, gilt der IWF nun auch als wichtigster Helfer in Rußlands neuer Notlage.Doch der IWF hat zu wenig Geld in den Kassen, um noch eine weitere große Rettungsaktion zu finanzieren.

IWF-Manager wollen die Höhe der vorhandenen Mittel ungern beziffern.Im US-amerikanischen Kongreß werden die liquiden IWF-Reserven auf gerade noch 15 Mrd.Dollar geschätzt.Da Rußland bereits Zusagen über 10 Mrd.Dollar - in Tranchen von zumeist 700 Mill.Dollar ausgezahlt - erhalten hat, würde ein neuer Kredit in ähnlicher Größenordnung den IWF an den Rand der Illiquidität bringen - allerdings nur theoretisch.Denn natürlich kann sich der Währungsfonds bei den Notenbanken seiner Mitgliedsländer verschulden.Zudem besteht die Aussicht, daß er in etwa zwei Jahren die Mittel aus der vergangenen Herbst in Hongkong beschlossenen Quotenerhöhung von 45 Prozent erhält: Das brächte 88,4 Mrd.Dollar.Letztlich könnte er über die "Neue Kreditvereinbarung" (New Agreement to Borrow - NAB) in Krisenzeiten bis zu 50 Mrd.Dollar mobilisieren.

Freilich sind die Quotenerhöhung wie die NAB noch längst nicht von allen 182 IWF-Mitgliedern ratifiziert.Obwohl deutsche Geldpolitiker der Vermutung massiv widersprechen, daß die ablehnende Haltung des US-Kongresses andere Mitglieder bei der Ratifizierung der Kapitalaufstockung beeinflußt - so erklärte Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer: "Wir könnten den Beschluß sofort fassen" - verzögert die Haltung des US-amerikanischen Kongresses offenbar doch den Prozeß in einigen Ländern.

Der Vorsitzende des Bankenausschusses im US-Repräsentantenhaus, Jim Leach, hält die Mittel des IWF gerade noch für ausreichend, "wenn sich die Krisen nicht vertiefen und nicht ausweiten".Doch: "Jetzt sieht es so aus, als würde Indonesien die Krise vertiefen und Rußland sie ausweiten", mahnt Leach.Selbst mit so wohlwollender Unterstützung einiger Kongreßabgeordneter kommt die Regierung Clinton in ihrer Überzeugungsarbeit nicht weiter.

Die amerikanischen IWF-Widersacher - sie sind im Kongreß derzeit noch in der Mehrheit - mutmaßen nicht ganz zu Unrecht, daß neue Gelder für Indonesien angesichts des dortigen politischen Wirrwarrs und Kredite für Moskau wegen der Instabilität der russischen Finanzmärkte in ein Faß ohne Boden fallen."Der IWF trägt selbst die Verantwortung für Rußlands gegenwärtige Engpässe", zitiert die Zeitung "The Washington Post" den Mehrheitsführer der Republikaner im Repäsentantenhaus, Richard K.Armey.Der Fall Mexiko und die asiatische Krise hätten den Eindruck verstärkt, der IWF wolle und könne jedem Land in der Not helfen.

Wenn Rußland trotz seiner Probleme in den vergangenen Jahren hochverzinsliche Staatspapiere bei internationalen Anlegern absetzen konnte, dann wegen der Vermutung, "daß der IWF und die G-7 das Land nicht fallenlassen können", konstatiert Desmond Lachman vom US-Investmenthaus Salomon Smith Barney.Der Appell des Birmingham-Gipfels an private Investoren, ein Risiko für ihre Engagements in der Dritten Welt zu tragen, müßte also auch für Rußland gelten.

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