Wirtschaft : Die kleine Tarifrevolution bei der Bahn

DÜSSELDORF (pt/HB).1,5 Prozent lineare Einkommenserhöhung ab Juni 1998, Anhebung der Tarife für ostdeutsche Eisenbahner von 86 auf 87 Prozent des Westniveaus ab Januar 1999 und ab Januar 2000 auf 88 Prozent.Dies sind die Eckdaten des Tarifabschlusses für 161 000 Arbeitnehmer und Auszubildende der Bahn (DB AG).Auf den ersten Blick orientiert sich der Abschluß damit zumindest für Westdeutschland am Tarifergebnis des Öffentlichen Dienstes.Tatsächlich haben die Tarifvertragsparteien jedoch einen weiteren Schritt zur Abkoppelung der Tarifentwicklung bei der DB vom Öffentlichen Dienst getan.

"Zwar hat die Schlichtung eine Lohnzahl von 1,5 Prozent ergeben.Es ist uns jedoch gelungen, die Weichen in Richtung Kostensenkung und stärkere Leistungsorientierung der Bezahlung zu stellen", berichtet Horst Föhr, Personalvorstand der DB AG, die derzeit pro Jahr noch rund 1,4 Mrd.DM Kosten ausgleichen muß.So wurden persönliche Zulagen und weitere nichtleistungsbezogene Zuschläge von der Einkommenserhöhung abgekoppelt.Sie sollen im nächsten Jahr, wenn die Bahn AG getreu dem Eisenbahnneuordnungsgesetz von 1993 die Bereiche Personennahverkehr, Personenfernverkehr, Personenbahnhöfe, Cargo und und Fahrweg als eigenständige Aktiengesellschaften ins Handelsregister eintragen läßt, in einen Finanztopf für eine leistungs- und ergebnisorientierte Bezahlung eingebracht werden.Jede dieser Aktiengesellschaften soll dann selbständig, per Betriebsvereinbarung oder ergänzenden Haustarif festlegen, wie das zur Verfügung stehende Volumen verteilt wird.

Besonders stolz ist Föhr auf die gemeinsame Einführung eines neuen Prämiensystems, mit dessen Hilfe drei in engem Zusammenhang stehende Ziele erreicht werden sollen: Die Senkung des Krankenstandes, die bessere Einhaltung der Fahrpläne und eine Steigerung des Umsatzes.Dabei bedeutet wegen des hohen Fixkostenblocks beim personalintensiven Bahnbetrieb jede Umsatzsteigerung auch fast eine Ergebnisverbesserung im gleichen Umfang.Insgesamt stehen für diese drei Prämien rund 0,5 Prozent der Lohn- und Gehaltssumme zur Verfügung.Der Krankenstand, der 1994 noch bei rund 7,5 Prozent gelegen hat, soll in mehreren Stufen von derzeit 6,1 Prozent auf 4 Prozent zurückgeführt werden.Föhr: "Zielmaß für 1998 sind 5,5 Prozent.Werden sie erreicht, spart die DB AG 70 Mill.DM.Davon sollen, und das ist aus meiner Sicht ein innovativer Ansatz, 20 Mill.DM an die Mitarbeiter ausgeschüttet werden."

Wie bei den zukünftigen leistungs- und ergebnisorientierten Gehaltsbestandteilen sollen auch hier die Betriebsparteien der einzelnen Bahngesellschaften über die "gerechte" Verteilung des Prämienvolumens entscheiden.

Beim Umsatz will die DB AG 1998 einen Zuwachs erreichen, obwohl sie bis April ein Minus von 0,7 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum hinnehmen mußte."Erreichen wir im Gesamtjahr 1998 ein Umsatzplus von ein Prozent, so bedeutet dies, daß 10 Mill.DM Prämie an die Mitarbeiter verteilt werden können.Sind es 1,5 Prozent, sollen sogar 20 Mill.DM ausgeschüttet werden." Auch hier verzichteten die Tarifvertragsparteien darauf, Vorgaben für den Verteilungsschlüssel des Umsatzprämientopfes zu machen.Dies soll vielmehr in einer Gesamtbetriebsvereinbarung geregelt werden.

Beim leidigen Thema Pünktlichkeit der Züge hatte die Bahn bereits 1997 ein Anreizsystem für die leitenden Angestellten etabliert.Nun soll die Gesamtbelegschaft in dieses System einbezogen werden.Für die "Pünktlichkeitsprämien" stehen ebenfalls 20 Mill.DM zur Verfügung, die ausgezahlt werden, wenn die Ziele erreicht werden.

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