Wirtschaft : Die Kleinen mucken auf

Neun lateinamerikanische Länder haben gegen die Brüsseler Bananenordnung geklagt und Recht bekommen

Michael Schmidt

Berlin - Lateinamerikas Schwellenländer sind es leid. Die Liberalisierung des Welthandels dürfe nicht länger eine Einbahnstraße sein. Denn die vermeintlich Kleinen mucken auf. Und das mit Erfolg.

Soeben hat die Europäische Union eine Niederlage einstecken müssen: Die geplante Verdreifachung des Einfuhrzolls für Bananen auf 230 Euro je Tonne sei zu hoch, entschied das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO in Genf. Damit gab das Gericht neun lateinamerikanischen Staaten Recht – darunter Ecuador als weltgrößtem Bananen-Produzenten –, die gegen das ab 1. Januar 2006 gültige EU-Preissystem geklagt hatten. „Der Bananenstreit zeigt: Das Nord-Süd-Verhältnis ändert sich", sagt Klaus Bodemer, Direktor des Instituts für Iberoamerika-Kunde: „Die Dritte Welt ist inzwischen eine starke Macht am Verhandlungstisch, wirtschaftlich wie politisch."

Schon einmal hätten zumindest die aufstrebenden Handelsmächte wie Brasilien, das bald weltgrößter Agrarexporteur werden könnte, erfolgreich die Muskeln spielen lassen. 2003 ließen sie das Spitzentreffen der WTO-Handelsrunde im mexikanischen Cancún scheitern. Seitdem haben die Schwellenländer an Selbstbewusstsein gewonnen, den Druck auf den Westen erhöht und in Serie vor der WTO gewonnen: Erst kippte die Organisation die Zuschüsse für US-Baumwollfarmer, dann das EU-Zuckersystem, jetzt die Bananenzölle. Die Wortführer der Dritten Welt beharren auf ihren Forderungen, sagt Bodemer, und sie tun das „längst nicht mehr so uneinig und verzagt, wie einst."

In der Tat beginnt im Westen bereits das große Zittern. Nach dem WTO-Schiedsgerichtsentscheid kündigten die lateinamerikanischen Bananen-Produzentenländer an, den Streit gegebenenfalls auf dem WTO-Gipfel im Dezember in Hongkong weiterführen zu wollen. „In diesen Ländern sind 300000 Arbeitsplätze direkt und dreimal so viele indirekt von der Entscheidung betroffen", unterstreicht Bodemer die Bedeutung des Streits für die Entwicklungsländer. „Natürlich haben die ein großes Interesse daran, diese Frage zu politisieren und ganz oben auf der Agenda anzusiedeln." Und natürlich will die EU genau das verhindern: „Wir wollen vermeiden, dass dieses Thema die Doha-Diskussionen vergiftet", sagt die Sprecherin von EU-Handelskommissar Peter Mandelson. Die WTO-Welthandelsrunde dürfe durch den Bananenstreit nicht „gekidnappt" werden. Das klingt ein bisschen furchtsam und tatsächlich wird sich die EU-Kommission entgegenkommend bemühen wollen, sich vor Dezember mit den Südamerikanern zu einigen.

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