Wirtschaft : Die Konjunktur macht wieder schlapp

Ifo-Geschäftsklima sinkt zum dritten Mal in Folge – Schlechte Nachrichten für den Arbeitsmarkt

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Berlin (brö). Der Aufschwung in Deutschland gerät immer stärker in Gefahr. Im August sank der Ifo-Geschäftsklima-Index zum dritten Mal in Folge von 89,9 auf 88,8 Punkte. Volkswirte befürchten nun eine weiter verzögerte Erholung der Wirtschaft und anhaltend hohe Arbeitslosenzahlen. Während die Regierung dennoch von einer Besserung der Lage in den kommenden Monaten ausgeht, korrigierte die Europäische Zentralbank ihre Wachstumsprognose nach unten.

Damit erreichte der Index den niedrigsten Stand seit dem vergangenen März und sank tiefer, als es viele Experten zuvor erwartet hatten. Die Daten signalisierten, dass der Aufschwung unterbrochen sein könnte, sagte Hans-Werner Sinn, der Chef des Ifo-Instituts, am Mittwoch in München. „Wir müssen froh sein, wenn der Aufschwung nicht abschmiert.“ Noch bis vor kurzem hatten Fachleute auf steigende Wirtschaftsleistung im dritten Quartal gehofft.

Die Börse quittierte die schlechten Nachrichten mit deutlichen Kursverlusten. Bis zum Handelsschluss sank der Deutsche Aktienindex Dax um 4,38 Prozent auf 3682 Punkte, zusätzlich belastet von einer Umsatzwarnung des Netzwerkproduzenten Nortel. Am stärksten verloren Finanztitel und Versicherungen. So büßte die Allianz-Aktie sieben Prozent ihres Wertes ein, ähnlich hoch waren die Einbußen der Münchner Rück. Auch die Aktien am Neuen Markt standen unter Druck. Der Nemax 50 gab 3,9 Prozent auf 501 Punkte ab.

Das Ifo-Geschäftsklima gilt als einer der wichtigsten Frühindikatoren für die Konjunkturentwicklung in Deutschland. Das Ifo-Institut ermittelt es durch monatliche Umfragen unter 7000 Unternehmen über deren aktuelle Lage und die Erwartungen für die kommenden sechs Monate. Der Rückgang für die westdeutsche Wirtschaft um 1,1 Punkte ergebe sich vor allem aus den schlechteren Perspektiven, die die Unternehmen sehen, sagte Ifo-Chef Sinn. Insbesondere die Industrie sei pessimistisch. Auch die aktuelle Lage sahen die Unternehmen schlechter als noch im Vormonat. Allein der Export laufe einigermaßen, teilte das Institut mit. In Ostdeutschland sank der Geschäftsklima-Index von 99,6 auf 99,1 Punkte.

Üblicherweise werten Fachleute einen dreimaligen Rückgang des Index als Zeichen für eine Trendwende der Konjunktur. Davon könne derzeit noch nicht die Rede sein, sagte Volker Nitsch von der Bankgesellschaft Berlin. „Ein Abgleiten in die Rezession steht nicht zu befürchten, aber momentan stagniert die Wirtschaft bestenfalls“, sagte er. Schuld an der Eintrübung seien die in den vergangenen Monaten schwächere US-Wirtschaft und die Turbulenzen an den Börsen. Viele Experten sehen auch in den steigenden Ölpreisen eine Belastung. Je nach Sorte waren sie in den vergangenen Tagen um bis zu zehn Prozent angestiegen. Grund ist die Sorge um einen Krieg im Nahen Osten.

Eine leichte Besserung der Wirtschaftslage werde es in der zweiten Jahreshälfte geben, erwartet Jürgen Pfister, Leiter der Volkswirtschaft bei der Commerzbank in Frankfurt (Main). „Einen echten Aufschwung wird man aber auch das nicht nennen können“, befand er. Für das Gesamtjahr sei allenfalls mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent zu rechnen, sagte Pfister. Die Bundesregierung geht von einem um 0,75 Prozent höheren Bruttoinlandsprodukt aus.

Für den Arbeitsmarkt bringt das schwache Wachstum vorerst keine Entlastung. „Die Zahlen in den kommenden Monaten werden saisonbereinigt über den Juli-Werten liegen“, befürchtet Philipp Nimmermann von der ING BHF-Bank in Frankfurt. Eine Belebung „frühestens im Frühjahr 2003“ sieht auch Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. Bis dahin werde die Zahl der Beschäftigungslosen über der Marke von vier Millionen Menschen verharren. Erst bei einem Wachstum von mehr als 1,8 Prozent begännen die Firmen, Personal einzustellen.

Dennoch verbreitete das Bundesfinanzministerium Optimismus. In den kommenden Monaten gebe es „eine weitere Verbesserung der Wachstumsaussichten“, heißt es im neuen Monatsbericht des Hauses. Die Regierung hofft auf Mehrausgaben der Verbraucher sowie eine Besserung am Arbeitsmarkt. Dagegen traut die Europäische Zentralbank (EZB) der Wirtschaft in der Euro-Zone 2002 keine Beschleunigung mehr zu. Das Wachstum in der ersten Jahreshälfte sei zu gering gewesen, sagte EZB-Chefökonom Otmar Issing der „Börsen-Zeitung“. Raten von 2,0 bis 2,5 Prozent werde die Wirtschaft nicht mehr erreichen. Neue Zahlen nannte er nicht.

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