Wirtschaft : Die Kraft des Erzählens

Lehrer und Schauspieler brauchen Zuhörer. Die UdK startet den ersten universitären Weiterbildungskurs für mündliches Erzählen

Michael Ramm

Um eine Geschichte zu erzählen, braucht man keine teures Bühnenbild, keine Lichtanlage, keine aufwendigen Kostüme. Wenn die Zuhörer ihre Augen schließen und sich von Erzählern in die Welt der Sagen und Mythen tragen lassen, dann ist nur die Phantasie gefragt. Bei dem einen wandeln Helden durch Paläste, der andere mag es lieber unverschnörkelt.

„Das mündliche Erzählen schafft eine einzigartige Nähe zwischen Erzählern und Zuhörern“, sagt Kristin Wardetzky, ehemalige Professorin für Theaterpädagogik an der Universität der Künste (UdK). Sie möchte es Interessierten ermöglichen, das mündliche Erzählen auf Universitätsniveau zu erlernen. „Künstlerisches Erzählen“ heißt der berufsbegleitende Weiterbildungskurs am Zentralinstitut für Weiterbildung (ZIW) der UdK.

Er wird zum ersten Mal angeboten, abgeschlossen wird nach eineinhalb Jahren mit einem Hochschulzertifikat. An sechzehn Wochenenden arbeiten die Teilnehmer an ihrer Stimmtechnik, Kommunikations- und Improvisationsfähigkeit, Phantasiebildung und Gedächtnis. Schließlich werden die internationalen Sagen, Mythen und Märchen nicht vorgelesen, sondern frei erzählt. „Der Erzähler muss lernen, sein eigener Regisseur, Dramaturg und Manager zu sein“, sagt Kristin Wardetzky. Gemeinsam werde man auf Erzählfestivals gehen und Programme erarbeiten. Dafür baut sich jeder über die Zeit ein internationales Netzwerk auf.

Die unmittelbare Nähe zu den Zuhörern unterscheidet das Erzählen vom Vorlesen oder dem Schauspiel: „Der Augenkontakt, die Berührung fördern das gegenseitige Vertrauen“, sagt die Theaterpädagogin. Die Weiterbildung kostet 3180 Euro. Die Kursleitung hat bereits zwei Vollstipendien vergeben und arbeitet daran, den Kurs als Fortbildung für Lehrer anerkennen zu lassen. In Deutschland gibt es keinen vergleichbaren Kurs auf Universitätsniveau. Europaweit wird Erzählen auch an der Universität Oslo unterrichtet – von dort kommt auch die Studiengangsleiterin Ragnhild A. Mörch: „Andere Erzählkurse, etwa an der Volkshochschule, sind in ihrem Umfang nicht vergleichbar.“ Weitere Dozentinnen sind Suse Weisse und Sabine Kolbe, beides internationale Erzählpreisträgerinnen und ehemalige Studentinnen von Kristin Wardetzky.

Neben hauptberuflichen Erzählern und Schauspielern richtet sich dieser Kurs auch an Pädagogen und Bibliothekare. Kristin Wardetzky wünscht sich eine Integration der Erzählkunst in den schulischen Lehrplan. Bisher gibt es drei feste Anmeldungen, Anmeldeschluss ist der 10. Juli. Ab zehn Teilnehmern läuft der UdK-Kurs am 23. September an. Mit der Ausbildung von mehr Erzählern erhofft sich Wardetzky, dass sich das Erzählen als Kunstform weiter etabliert. Denn wenn man erstmal bei einer Erzählstunde dabei ist, dauert es nur Minuten, bis sich auch die skeptischsten Gesichter lösen und alle gemeinsam in das Reich der Sagen und Mythen versinken.

„Künstlerisches Erzählen“. Internet: www.udk-berlin.de/ziw/kurse. E-Mail: uwe.krzewina@intra.udk-berlin .de

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