Wirtschaft : Die Kriminalität in deutschen Firmen nimmt zu

Studie: Jedes zweite Unternehmen von Straftaten betroffen – oft stecken Top-Manager dahinter

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Fast die Hälfte aller deutschen Unternehmen war 2003 und 2004 von Wirtschaftskriminalität in Form von Unterschlagung, Betrug, Spionage, Korruption oder Geldwäsche betroffen. Dies ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren, als die Quote bei etwa 40 Prozent lag. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie über Wirtschaftskriminalität, die die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) und die Universität Halle-Wittenberg am Dienstag in Frankfurt vorstellten.

Der Schaden pro Firma lag im Schnitt bei 3,4 Millionen Euro. Dennoch ist das Risikobewusstsein in den Unternehmen schwach. Bedenklich auch: Fast jede dritte Straftat geht auf das Konto eines Top-Managers. Trotzdem werden sie deutlich nachlässiger geahndet als ein Diebstahl durch einen kleinen Angestellten. „Aufwendiger Lebensstil kombiniert mit Gelegenheit und mangelndem Unrechts- und Wertebewusstsein ist meist die Ursache“, sagt PwC-Experte Steffen Salvenmoser. Gleichzeitig müssen kriminelle Top-Manager nur geringere Sanktionen befürchten. Bei nur einem Drittel erfolgt tatsächlich eine Strafanzeige, bei Angestellten liegt die Quote bei 61 Prozent.

Befragt wurden für die Studie rund 3600 Unternehmen in 34 Ländern, davon 400 deutsche Firmen. Auf 622 Millionen Euro summiert sich der Schaden, den Wirtschaftskriminelle bei deutschen Firmen 2003 und 2004 angerichtet haben. Dabei werden größere und Großunternehmen häufiger getroffen. Die für die Delikte verantwortlichen Mitarbeiter sind in der Regel mindestens zwei Jahre, meist aber noch länger beschäftigt und genießen dadurch Vertrauen.

Nach Auffassung von Salvenmoser wird sich die Situation noch verschärfen, weil viele Firmen kaum Vorsorge treffen. „In den kommenden fünf Jahren kann es jedes Unternehmen treffen.“ Keine Branche wird von Wirtschaftskriminalität verschont, besonders betroffen sind der Studie zufolge aber Handel, Telekommunikation sowie Banken und Versicherungen. Dabei ist der durchschnittliche Schaden im Finanzsektor mit 1,7 Millionen Euro fünf Mal so hoch wie in anderen Branchen. Auch hier werden zwei von drei Verstößen durch Tippgeber oder durch Zufall und nicht aufgrund von eigenen Kontrollsystemen aufgedeckt.

Die mangelnde Kontrolle weist zudem auf eine hohe Dunkelziffer hin. Salvenmoser schätzt, dass etwa 80 und nicht nur 50 Prozent aller deutschen Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen sind. Damit dürfte der durchschnittliche Schaden pro Firma deutlich höher sein als 3,4 Millionen Euro. Neue Gesetze sind nach Ansicht Salvenmosers nicht nötig, die bestehenden müssten nur konsequent angewandt werden. „Im Übrigen sollten die Firmen auch so ein starkes Interesse haben, Schäden in Millionenhöhe zu vermeiden.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben