Die Krise bei Volkswagen : Aufsichtsräte, Arbeitnehmer, Aktionäre: In ihrer eigenen Welt

Heute legt der VW-Vorstand die Bilanz des Horrorjahres 2015 vor. Der größte Konzern Europas ist auch wegen Überheblichkeit so tief abgestürzt.

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Glänzen tut das VW-Logo immer noch. Doch zumindest in Sachen Vertrauen ist der Lack der Wolfsburger Weltmarke angekratzt.
Glänzen tut das VW-Logo immer noch. Doch zumindest in Sachen Vertrauen ist der Lack der Wolfsburger Weltmarke angekratzt.Foto: dpa

Merkwürdige Dinge geschehen in Wolfsburg. Zum Beispiel vergangenen Freitag. Die 20 Mitglieder des Aufsichtsrats befassten sich mit dem Jahresabschluss 2015 und der Frage, ob trotz des Milliardenverlustes den Aktionären eine Dividende gezahlt werden sollte. Normalerweise sind die Vertreter auf der Arbeitnehmerbank, also Betriebsräte und Gewerkschafter, in solchen Fällen gegen die Ausschüttung. Anders in Wolfsburg. Die Arbeitnehmer stimmten gemeinsam mit den Vertretern des Aktionärs Niedersachsen für eine Dividende und die meisten Kapitalisten dagegen. Wenn die Hauptversammlung sich im kommenden Juni dem Votum anschließt, dann bekommen die Stammaktionäre elf Cent je Aktie und die Vorzugsaktionäre 17 Cent.

Kampfabstimmung im Aufsichtsrat

Bei einem Blick ins Aktiengesetz wird deutlich, warum das bestimmten VW-Aufsichtsräten so wichtig ist: Vorzugsaktionäre erhalten einen höhere Dividende als Stammaktionäre, aber nur die Besitzer der Stammaktien haben ein Stimmrecht. Wenn jedoch die Vorzugsaktionäre zwei Jahre hintereinander keine Dividende bekommen, dann steht ihnen ein Sonderstimmrecht zu. Diese Perspektive hat Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stephan Weil, den IG Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann und VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh in Panik versetzt. Denn wenn für das Geschäftsjahr 2015 keine Dividende gezahlt würde und für 2016 auch nicht, dann bekämen Vorzugsaktionäre Einfluss auf VW und Stammaktionäre wie das Land Niedersachsen büßten Einfluss ein. Mit Folgen für die Welt von Volkswagen, in der Niedersachsen und die Arbeitnehmervertreter eine besondere Rolle spielen.

Nachdem der Personalmanager Peter Hartz 1993 aus dem Saarland nach Wolfsburg kam, verstand er schnell die besonderen Verhältnisse am Mittellandkanal. „Es gibt Gesetze und es gibt Volkswagen“, erklärte Hartz damals einem Mitarbeiter das Arbeitsumfeld. Ein Dutzend Jahre später stürzte Hartz über die Lust- und Luxusreisenaffäre ebenso wie der damalige Betriebsratschef Klaus Volkert. Sie hatten sich wunderbar eingerichtet im System und lebten prächtig, weil das Volumen der verkauften Autos stetig stieg und es viel zu verteilen gab. Auf allen Seiten.

Die Boniposse spricht nicht für einen Kulturwandel

Die spezielle VW-Hybris wird vermutlich angesprochen im Bericht über die Ursachen und Folgen des Abgasbetrugs. Nur ein halbes Jahr nach der Aufdeckung der Motormanipulation sind indes die Zweifel größer denn je, ob die mindestens 16 Milliarden Euro teure Fehlleistung zu mehr Bescheidenheit in der Wolfsburger Zentrale beigetragen hat, wo acht Männer und eine Frau den Riesenkonzern in aller Welt steuern. Wie bei den 600.000 Mitarbeitern wohl das Theater um die Vorstandsboni angekommen ist? Als besonders schlechtes Vorbild fiel der Aufsichtsratsratsvorsitzende Hans Gerd Pötsch auf, der zwölf Jahre als VW-Finanzvorstand ein Vermögen verdiente, im Oktober letzten Jahres an die Spitze des Aufsichtsrats wechselte und darauf bestand, dass sein Vorstandsvertrag ausbezahlt wurde. Das enorme Vertrauensproblem von VW wird durch Manager, die sich vor allem mit dem Zählen der eigenen Millionen beschäftigen, nicht kleiner.

Gegen den Betriebsrat geht nichts

Matthias Müller ist die Schlüsselfigur. Er wäre gerne Porsche-Chef geblieben, aber nach dem erzwungenen Rücktritt des VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn im September letzten Jahres gab es keine Alternative zu ihm im Markenverbund des Volkswagenkonzerns. Müller ist nicht so verbissen wie sein Vorgänger, schon gar nicht ähnlich autoritär; er ist ziemlich unabhängig und beliebt an der Basis. „Als Chef von Porsche war er Garant für Erfolge, geradlinig und gleichzeitig sozial eingestellt“, lobt Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück seinen langjährigen Partner.

Hück ist stark in Stuttgart Zuffenhausen, doch im Vergleich zu Bernd Osterloh boxt Hück im Fliegengewicht. Osterloh führt seit 2005 den VW Betriebsrat. „Die stärkste Persönlichkeit im VW-Konzern ist der Betriebsratsvorsitzende“, meint der Duisburger Automarktkenner Ferdinand Dudenhöffer. Das hätte der große Alte von VW, Ferdinand Piëch, so nicht unterschrieben. Doch als Piëch vor gut zehn Jahren als Aufsichtsratschef gegen Richtung des damaligen Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder raunte, gegen die Arbeitnehmer sei VW nicht zu führen, war die Botschaft klar und Pischetsrieder kurz darauf den Job los. Vor einem Jahr war Piëch selbst dran, nachdem er sich mit einer Mobbingattacke („Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“) verkalkuliert hatte. Ein halbes Jahr später stürzte Winterkorn.

2015 gab es einen operativen Rekordgewinn

Bernd Osterloh ist immer noch da. Und wenn es nach ihm gegangen wäre, wohl auch Winterkorn. „Wiko“ und Osterloh verstanden sich prächtig, und so sträubte sich der Betriebsratschef gegen den Abschuss seines Vorstandsvorsitzenden. Doch der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Berthold Huber, Ministerpräsident Weil und schließlich auch Wolfgang Porsche setzten sich durch und Winterkorn musste die Verantwortung übernehmen für den Dieselbetrug in dem von ihm geführten Unternehmen. Neben Pötsch, der dann ein paar Wochen später Huber als Aufsichtsratsvorsitzender ersetzte, ist der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann neu in das Gremium gekommen, dessen Mitglieder nicht alle als Car Guys durchgehen. Wolfgang Porsche begeistert sich vor allem für die Gamsjagd und versteht von Autos so viel wie ein Polo-Fahrer. Gleiches gilt für den Juristen Hans Michel Piëch; der jüngere Bruder von Ferdinand gilt als nicht besonders helle. Und die zwei Scheichs, die den 17-Prozent-Anteilseigner Qatar Holding LLC im Aufsichtsrat vertreten, wollen eine ordentliche Rendite für ihr Investment.

2015 verdiente der mit Abstand größte deutsche Konzern 12,8 Milliarden Euro. So viel wie noch nie. Die 16,2 Milliarden Euro für Strafen und Rückrufe wegen Dieselgate drückten dann das Ergebnis in die Miesen. Doch die Substanz des Unternehmens mit den vielen Marken ist gesund - mit Einschränkungen. Wieder einmal gibt es Probleme mit dem Konzernkern, der Marke VW und dabei vor allem mit den relativ teuren westdeutschen VW-Werken.

Markenvorstand Diess hat eine Schlüsselrolle

Betriebsratschef Osterloh und der neue Markenvorstand Herbert Diess, der vor zehn Monaten von BMW zu VW gab, haben sich schnell zerstritten. Osterloh muss Arbeitsplätze sichern, Diess Prozesse optimieren, vorrangig im Riesenwerk Wolfsburg, dessen Rentabilität alle Jahre wieder umstritten ist. Den Streit schlichtete schließlich Müller mit einer „Rahmenvereinbarung über die künftige Ausrichtung“. Diess unterliefen Anfängerfehler, weil er meinte, den Betriebsrat übergehen zu können. Und Osterloh, den sogar manche in der IG Metall inzwischen eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung in Wolfsburg sehen, macht gerne auf dicke Hose und wollte Diess zeigen, wer der Chef im Ring ist. Aber das ist kurz gedacht. Auch Osterloh braucht einen erfolgreichen Markenvorstand Diess. Der Mann versteht das Megathema Elektromobilität, das VW viel zu halbherzig angegangen ist.

Die Zukunft ist elektrisch

Die großen Männer der vergangenen zwei Jahrzehnte, Piëch und Winterkorn, begeisterten sich am (Verbrennungs-) Motor und glaubten an das Drei- und Zwei-Liter-Auto. Und nicht an das Stromfahrzeug. Die junge Generation braucht aber keinen Benzingeruch und steht auf Car Sharing und Tesla. „Wir müssen im Wettrennen mit den neuen Wettbewerbern enorme Mittel in Digitalisierung und E-Mobilität investieren“, erklärte VW in diesen Tagen und bat die IG Metall um einen „maßvollen Abschluss“ der gerade begonnenen Tarifverhandlungen. „Die Arbeiter in der Montage, die Beschäftigten in der Gießerei oder in der Verwaltung haben nicht manipuliert. Deshalb werden die Beschäftigten auch nicht die Zeche zahlen“, donnerte die Gewerkschaft zurück. Alles wie immer in Wolfsburg. Doch etwas ist anders: Es gibt nicht mehr viel zu verteilen.

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