Wirtschaft : Die kritische Marke

Weil Öl zu billig ist, werden Projekte auf Eis gelegt

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Berlin - Der Sommer war zu schön, er hätte ewig dauern können – zumindest für die Ölförderländer. 147 Dollar gab es für ein Fass im Juli. Jetzt kaum mehr als ein Drittel davon: Ein Fass (159 Liter) kostete am Freitag – je nach Sorte – 56 bis 58 Dollar. Der Sturz hat Folgen. Bei einem Preis von unter 60 Dollar könnte man sagen, dass die Förderländer unter einer schweren Herbstgrippe leiden. Darauf deuteten gleich mehre Nachrichten der vergangenen Woche hin.

So veröffentlichte das schottische Beratungsunternehmen Wood Mackenzie eine Studie, wonach vier von fünf aller weltweit geplanten Raffinerie-Neubauprojekte auf Eis gelegt werden. Nur noch 30 von 160 Großprojekten, die seit 2005 angekündigt wurden, dürften in den nächsten sieben Jahren tatsächlich realisiert werden. Anfang des Jahres hieß es noch, dass die Raffinerien kaum noch mit der Produktion hinterherkommen. Die Mineralölwirtschaft gab sich da noch selbstkritisch. Seit den 90er-Jahren habe man wichtige Investitionen in Förderanlagen und eben Raffinerien verschlafen. Jetzt wird erstmal weitergeschlafen.

Dabei ist bemerkenswert, dass es fast ausschließlich Privatunternehmen sind, die Investitionen abblasen: Am Mittwoch teilte der französische Total-Konzern mit, dass sich der Bau einer gut neun Milliarden Euro teuren Raffinerie in Saudi-Arabien verzögern wird. Zuvor hatte der US-Konzern Conoco Phillips ein ähnliches Projekt auf Eis gelegt – alle mit Verweis auf die Lage an den Märkten. Die staatlichen Investoren geben sich unerschrockener. Dem Wood-Mackenzie-Bericht nach, erhalten fast alle der 30 noch verfolgten Raffineriebauten staatliche Hilfe.

Die Internationale Energieagentur (IEA), welche im Auftrag der 28 führenden Industriestaaten regelmäßig Prognosen herausgibt, sandte vergangene Woche widersprüchliche Signale – die aber zusammenpassen: Zum einen drohe langfristig eine Versorgungsknappheit, weil die Konzerne zu wenig in Anlagen investieren. Die gigantische Summe von 26 Billionen (26 000 Milliarden) Dollar müssten in den kommenden 20 Jahren in den Bau von Förderanlagen gesteckt werden. Sonst bestehe „ein wirkliches Risiko einer Versorgungskrise“. Kurzfristig aber senkte die IEA ihre Prognose aber dramatisch: Bereits 2008 sei der weltweite Bedarf an Rohöl so langsam gewachsen wie seit 20 Jahren nicht mehr. Der Trend halte 2009 an. Die Nachricht drückte den Ölpreis an den Börsen noch tiefer.

Eines der größten Opfer der Entwicklung ist Kanada. Das Land wurde im Sommer von Analysten schon „Saudi-Kanada“ getauft, da dort viele Unternehmen begannen Ölsande abzubauen. Das ist technisch anspruchsvoll, lohnt sich aber erst ab der kritischen Marke von etwa 80 Dollar je Fass. Kanada hat die größten Vorkommen der Welt. Am Donnerstag teilte nun auch das Unternehmen Canadian Natural Resources mit, dass es die zweite Bauphase seines Ölsand-Projektes im Wert von zehn Milliarden Dollar verschieben muss. kph

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