Wirtschaft : „Die Kunden wären beinahe leer ausgegangen“

Protektor-Chef Günter Himstedt glaubt, dass die Mannheimer-Pleite ein Einzelfall bleiben wird

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Herr Himstedt, wie fühlt man sich als Chef eines Unternehmens, das niemand wollte?

Die Zeit des virtuellen Unternehmens ist vorbei, wir sind heute ein voll funktionierender Lebensversicherer.

Von dem jeder gehofft hatte, dass man ihn nicht braucht.

Ja, das stimmt. Man konnte sich nicht vorstellen, dass ein Lebensversicherungsunternehmen tatsächlich in eine Schräglage gerät. Dennoch hat die Branche die Protektor-Idee immer ernst genommen.

Aber als es ernst wurde und sie bezahlen sollten, haben viele Ihrer Gesellschafter an den hohen Kosten herumgemäkelt.

Komisch. Ich habe keinen einzigen Anruf bekommen und auch keinen Brief, dass irgendjemand nicht zahlen wollte. Außerdem steht in der Verpflichtungserklärung nicht, dass die Unternehmen zahlen müssen, ohne zu murren. Sie müssen nur zahlen.

Und haben sie gezahlt?

Ja, alle 103 Gesellschafter haben pünktlich gezahlt.

Wie viel Geld haben Sie jetzt?

Rund 300 Millionen Euro. Damit ist das Bilanzdefizit der Mannheimer Leben ausgeglichen.

Könnte Protektor auch einen richtig großen Sanierungsfall bewältigen? Was wäre, wenn eine Allianz Leben zahlungsunfähig würde?

Wenn der Himmel runterfällt, sind alle Spatzen tot.

Wie viel Geld haben Ihre Gesellschafter Ihnen maximal versprochen?

5,2 Milliarden Euro. Aber Sie dürfen eines nicht vergessen. Protektor ist eine auf freiwilliger Basis gegründete Auffanggesellschaft und wirklich die Ultima Ratio, das allerletzte Mittel. Protektor ist nicht ein Instrument der Beliebigkeit, bei dem man lästige Lebensversicherer abladen kann.

Gibt es noch weitere Versicherer, die gerettet werden müssen?

Ich finde es sehr kühn, wenn Rating-Agenturen auf Grund von Daten, die von Ende vergangenen Jahres stammen, heute Unternehmen ins Gerede bringen. Ich kenne keine Namen. Ich glaube nicht, dass es solche Ultima-Ratio-Fälle wie die Mannheimer Leben überhaupt noch einmal geben kann.

Was können die Ex-Mannheimer-Kunden, die jetzt Ihre Kunden sind, erwarten?

Alle in der Vergangenheit garantierten Überschussanteile bleiben erhalten, und aktuell gibt es den Garantiezins. Mittelfristig könnte man sogar an eine Überschussbeteiligung denken, aber wir sollten nicht anfangen, Gewinne auszuschütten, bevor das Unternehmen nicht etwas Fett angesetzt hat. Das war ja einer der großen Fehler in der Branche: Einige Unternehmen haben viel zu schnell den Kunden Überschüsse gutgeschrieben und dabei den Aufbau von Reserven vernachlässigt.

Wirtschaften die Lebensversicherer heute vorsichtiger?

Ganz gewiss. Die Börsenkrise hat zu einem Umdenken geführt. Die Lebensversicherer versuchen heute nicht mehr, sich mit hohen Überschussbeteiligungen gegenseitig auszustechen.

Wollen Sie die Mannheimer-Verträge behalten oder suchen Sie einen Käufer?

Protektor ist eine Auffanglösung für eine Notsituation. Wir schaffen solide Grundlagen und wollen den Bestand dann in dauerhafte Hände geben. Uns soll es in zwei Jahren nicht mehr geben.

In der Politik wird überlegt, statt der freiwilligen Protektor-Lösung einen gesetzlichen Sicherungsfonds vorzuschreiben.

Ich halte nichts von solchen Zwangseinrichtungen. Wir haben in unglaublicher Schnelligkeit bewiesen, dass wir handlungsfähig sind. Bei einer gesetzlichen Zwangslösung hätten wir nur wieder mehr Beamte. Allerdings könnten wir eine gesetzliche Grundlage ganz gut gebrauchen. Es wäre gut, wenn die Versicherungsaufsicht BaFin in Notfällen eine Übertragung der Versicherungsbestände auf Protektor anordnen und dem Unternehmen dabei eine Frist setzen könnte. Bei dem betreffenden Unternehmen müsste dann ein Sonderbevollmächtigter eingesetzt werden, und der gesamte Prozess müsste objektiviert werden. Als wir den Versicherungsbestand der Mannheimer übernommen haben, war das ein Rennen gegen die Zeit und eine ganz dramatische Gratwanderung. Es musste unbedingt verhindert werden, dass die Mannheimer in die Insolvenz geht, bevor der Versicherungsbestand auf uns übertragen worden ist.

Warum?

Weil dann die Versicherten tatsächlich mit leeren Händen dagestanden wären. Die Verhandlungen mit der Mannheimer haben zwei Monate gedauert. Das war entschieden zu lang. Um eine Insolvenz zu vermeiden, haben wir der Mannheimer Zugeständnisse machen müssen. Das ist nicht auf Sympathie bei unseren Aktionären gestoßen.

Hat die Mannheimer versucht, Sie über den Tisch zu ziehen?

Der Vorstand der Mannheimer ist im Interesse seiner Aktionäre angetreten, ich im Interesse unserer Aktionäre. Und dann haben wir uns gezofft. Wir haben nachts bis drei oder vier verhandelt.

Die Bundesregierung hat den Lebensversicherern erlaubt, ihre Kursverluste aus diesem Jahr von der Steuer abzusetzen. Nimmt das die Dramatik aus dem Markt?

Selbstverständlich würde eine solche Steueränderung die Firmen entlasten. Aber ich halte das für ungerecht. Die Gesellschaften, die wie vorsichtige Kaufleute gewirtschaftet haben, werden bestraft und müssen Steuern zahlen, und die anderen können ihre Kursverluste absetzen. Aber ich hoffe, dass das letzte Wort hier noch nicht gesprochen ist.

Das Interview führte Heike Jahberg.

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