Wirtschaft : Die Kurs-Chance hinter der Datumsgrenze - Dokumenten-Management-Systeme

Siegfried Grass

So mancher PC-Anwender fragt sich, warum eigentlich gängige Office-Programme oder sogar Betriebssysteme keine geeigneten Routine-Anwendungen zur Verwaltung von Dokumenten beinhalten. Viel wird schließlich mit Texten, Kalkulationen, Präsentationen in den Büros gearbeitet. Doch wenn man das Ergebnis speichern will, muss sich der Anwender selbst ein System ausdenken, um die Dateien so abzulegen, dass er sie später auch wiederfinden kann. In Unternehmen, in denen zahlreiche Belege wie Rechnungen, Bestellungen oder Aufträge elektronisch gespeichert werden, geht schnell der Überblick verloren. Man benötigt ein Dokumenten-Management-System (DMS). Weil die Lösung dieses Problems keineswegs trivial ist und der Markt kräftig wächst, haben sich gleich mehrere Softwarehäuser auf das Thema gestürzt. Durch das Internet bekommt die schnelle und kostensparende Vorgangsbearbeitung noch eine weltweite Dimension.

Schaut man sich jedoch die Aktienkurse von DMS-Anbietern wie Ixos Software, SERSysteme, Easy Software, CE Computer Equipment oder Kleindienst (Belegverarbeitung für Banken) an, so war das Jahr 1999 zumindest kein gutes für die Aktionäre. Woran liegt es, dass der Markt hohe Zuwachsraten verspricht und die Aktienkurse der Anbieter das nicht widerspiegeln? Es gibt mehrere Gründe: Zum einen konnten sich bislang nur wenige, und wenn, dann nur große Unternehmen die hohen Investitionen leisten. Die Preise, bezogen auf einen Arbeitsplatz, werden von vielen Kunden als utopisch bezeichnet. Vielen Anwendern ist das Angebot zudem einfach noch zu unübersichtlich, viele erwarten eine Konsolidierung des Marktes. Erst wenn durch Fusionen, Konkurse und Übernahmen die Zahl der Hersteller deutlich reduziert ist, fällt die Auswahl leichter.

Viel zu tun für Ixos

Leigh Ann Kittell, Analystin bei der BHF Bank, stuft daher Werte wie Ixos, SER Systeme oder Easy derzeit nur auf "Halten" ein: "Ich erwarte Verzögerungen beim Umsatz im letzten Quartal dieses Jahres." Sie hat die Zahlen für Ixos und SER bereits nach unten revidiert. Nicht ganz so dramatisch sieht sie die Entwicklung bei Easy, "weil das Unternehmen noch nicht so groß ist und damit der Effekt nicht so durchschlägt". Bei Ixos, sehr stark eingebunden mit seiner DMS in das Umfeld der R/3-Anwendungen (betriesbwirtschaftliche Standardsoftware von SAP) hat bereits ein Umdenken eingesetzt: DMS für R/3 soll künftig nur eins der Anwendungsfelder sein. So hat das bayerische Softwarehaus inzwischen auch das Thema E-Commerce im Internet im Visier. Ixos bekommt aber auch die Konkurrenz von Easy und SER zu spüren, die ebenfalls auf das Geschäftsfeld R/3 setzen. Wenn nämlich die DMS in betriebswirtschaftliche Abläufe eingebunden sein sollen, um damit Produktivitätsfortschritte zu erreichen, dann bieten sich nun einmal die weit verbreiteten R/3-Anwendungen an. Rund 20 000 R/3-Systeme sind weltweit im Einsatz, nach Angaben von Ixos haben erst 1200 davon ein DMS. Es gibt also noch viel zu tun.

Wenn Frau Kittell von Verzögerungen beim Umsatz in diesem Jahr spricht, dann geht sie zugleich davon aus, dass - auch nach Lösung der Jahr-2000-Probleme und der damit verbundenen Blockierung der IT-Budgets - die Kunden später wieder verstärkt DMS nachfragen. "Dann dürfte Easy mit dem indirekten Vertrieb die beste Ausgangsposition haben."

Die Analysten von Bank Merck, Finck & Co sehen die Ixos-Aktie als "Outperformer": Das schwache Umsatzwachstum im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres sei auf Grund des Jahr-2000-Problems zu erwarten gewesen. Das Potenzial im SAP-Umfeld sei noch groß. Auch das Investmenthaus Goldman Sachs hat die Ixos von "durchschnittliche" auf "überdurchschnittliche Kursentwicklung" heraufgestuft.

Nebenwirkungen des Jahrs 2000

Das Düsseldorfer Bankhaus Lampe hat die SER-Aktie von "halten" auf "kaufen" hochgestuft. Das neu erworbene Unternehmen Macro-Soft decke den unteren und mittleren Markt für DMS in den USA ab, SER selbst bediene das obere Segment. Da auch Easy die Planzahlen bis zum Jahr 2001 bereits nach oben revidiert hat, Kleindienst-Chef Dietmar Breyer für die Aktie noch viel Spielraum nach oben sieht, dürfte ein Investment in DMS-Papiere eigentlich lohnen. "Noch nicht", meint allerdings BHF-Analystin Kittell: "Ich empfehle, erst noch die nächsten Wochen abzuwarten. Da könnte sich noch viel tun." Erst im Dezember sollten dann die Risikofreudigen einsteigen, wenn man die Nebenwirkungen des Jahr-2000-Problems besser abschätzen kann. In der ersten Januar-Woche sollte man sich dann aber spätestens entschieden haben, ob man überhaupt dabei sein will, empfiehlt Leigh Ann Kittell. Allerdings: "Die alten Höchstkurse werden wir so schnell nicht wieder sehen."

Die Gefahr, dass SAP oder Microsoft einfach selbst den DMS-Markt besetzen, sieht Easy-Vorstandssprecher Jörg Michael Pläsker nicht: "Das geht nicht so einfach; denn man benötigt spezielle Erfahrung." Die DMS-Hersteller wissen, dass ihr Erfolg davon abhängt, ob sie Projektkosten und mangelnde Integrationsfähigkeit vieler Lösungen in den Griff bekommen. Der DMS-Markt ist jedenfalls offen: Für die nächsten fünf Jahre gehen die Analysten der Gartner-Group von einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 25 Prozent aus.

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