Wirtschaft : „Die längste Rallye der Geschichte“ Deutsche Bank sieht kein Ende der Preisspirale

Herr Lewis, wie kommt es, dass die Lebensmittelpreise innerhalb weniger Wochen so stark gestiegen sind?

Das liegt vor allem an der weltweit steigenden Nachfrage nach Weizen und Mais. Dabei spielt China die Hauptrolle. Die Bevölkerung wird reicher und isst mehr tierische Proteine. Dadurch wächst auch die Nachfrage nach Mais und Getreide als Viehfutter. Auch in Indien steigt die Nachfrage nach Getreide rapide. Bei den Preisen haben sich aber auch Dürren in Russland und der Ukraine sowie eine schlechte Getreideernte in den USA ausgewirkt.

Warum hat die steigende Nachfrage nach Biosprit Einfluss auf die Milchpreise?

Milch wird vor allem deshalb teurer, weil immer mehr Mais und Getreide für die Produktion von Bio-Ethanol verwendet werden und im Tank landen. Am Anfang der Dekade lag der Anteil beim Mais noch bei zwei bis drei Prozent, jetzt sind es 20 Prozent. Im nächsten Jahrzehnt wird der Anteil auf bis zu 35 Prozent steigen, weil das auch durch die US-Regierung politisch gewollt ist. Die Nachfrage wird also weiter steigen, weltweit.

Welche Folgen hat das für die Rohstoffpreise?

Verglichen mit der enormen Verteuerung der Energie- und Kupferpreise sind pflanzliche Rohstoffe immer noch billig. Preise für Mais und Getreide müssten noch einmal um 200 Prozent zulegen, um ihr Allzeithoch zu erreichen. Wir erwarten bei den Nahrungsmitteln und vor allem bei Getreide die längste Rallye der Geschichte, die Preise werden voraussichtlich bis Anfang 2009 steigen. Das würde das, was in den 1970ern passiert ist, weit in den Schatten stellen. Aber erst, wenn die Rallye nach Januar 2009 noch anhält und es noch einmal einen Preisaufschlag von 50 bis 75 Prozent bei den Rohstoffen gibt, fängt es an extrem zu werden.

Was könnte die Entwicklung bremsen?

Die Dynamik der Märkte ist sehr unterschiedlich. Vom Kupfer gibt es nur eine begrenzte Menge, bei Getreide kann man die Produktion dagegen schnell ausweiten – was bereits passiert ist. In den USA als der globalen Supermacht, die 70 Prozent der weltweiten Maisexporte repräsentiert, ist der Maisgürtel inzwischen so groß wie ganz Deutschland. Darum ist der Maispreis in den vergangenen Monaten bereits etwas gefallen. Kurzfristig viel größere Effekte auf die Preise dürfte aber die Krise am US-Hypothekenmarkt haben.

Was hat Getreide mit Immobilien zu tun?

Eigentlich gar nichts. Aber die Hypothekenkrise schürt weltweit die Angst vor einer globalen Kreditkrise und drückt die Kurse an den Aktienmärkten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Anleger versuchen werden, ihre Verluste an den Finanzmärkten auszugleichen, indem sie ihre Gewinne aus den profitablen Rohstoffmärkten abschöpfen. Wegen der Krise am US-Hypothekenmarkt könnten die Weizenpreise also bald wieder nachgeben, auch wenn das erst mal ziemlich seltsam klingt.

Haben steigende Lebensmittelpreise Auswirkungen auf die Inflation?

In Entwicklungsländern wie Mexiko, wo steigende Maispreise die Preise für Tortilla zeitweise verdoppelt haben, macht sich das bereits jetzt bei der Inflation empfindlich bemerkbar. Insgesamt werden die Auswirkungen auf die Teuerung aber nicht allzu gravierend sein.

Michael Lewis

ist Leiter der Abteilung Rohstoff Research

bei der Deutschen Bank in London.

Er beobachtet weltweit die Märkte.

Das Gespräch führte

Maren Peters.

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