Wirtschaft : Die leicht Gezwungene

Condoleezza Rice schwört auf Disziplin – in der Politik, beim Essen und selbst beim Lächeln

Robin Wright

In ihren Anfangsjahren an der Spitze des Nationalen Sicherheitsrates der USA wirkte Condoleezza Rice bei ihren seltenen Auftritten vor der Presse nervös. Ihre Einleitungen vom Blatt ablesend, galt sie lange nur als die mysteriöse „hochrangige Regierungsmitarbeiterin“. Als Rice der Welt dann in der vergangenen Woche als neue US-Außenministerin gegenübertrat, war sie wie ausgewechselt: einnehmend, selbstbewusst und in den täglichen Presseinterviews tonangebend. Selbst der Humor kam nicht zu kurz. Kurz nachdem die umgebaute Regierungsboeing in Washington abgehoben hatte, begab sich Rice aus ihrem geräumigen Bord-Büro in den hinteren Teil des Flugzeugs. Dort saßen 19 Journalisten – das größte Presseaufgebot, das je einen US-Außenminister begleiten durfte. „Wir werden viel reisen, und ich möchte nicht, dass sich jemand verläuft“, sagte sie den Presseleuten und überreichte jedem einen eigenhändig unterschriebenen Taschenatlas als Andenken an die erste gemeinsame Tour.

Die vergangene Woche gehörte zu den größten Herausforderungen für Rice. Sie musste Europa, vor allem Frankreich und Deutschland, von einem Neuanfang bei den transatlantischen Beziehungen überzeugen. Und Rice sollte Israel und die Palästinenser dazu bringen, bei ihrem Zusammentreffen einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Vor allem aber musste sich die neue US-Außenministerin als mächtigste Diplomatin der Welt verkaufen. Der Auftritt in Paris galt dabei als Kernpunkt ihrer Reise. Doch mit den vorbereiteten Redeentwürfen war sie selbst nach dreifacher Überarbeitung im Flugzeug so unzufrieden, dass sie den Text noch während ihres Jerusalem-Aufenthaltes umschrieb. Das hat sich gelohnt: Die französische Tageszeitung „Le Figaro“ schrieb, dass Rice die Diplomatie in die US-Politik zurückgebracht habe.

Um ihre menschliche Seite zu zeigen, nahm Rice am Pariser Hector-BerliozKonservatorium an einer Musikstunde teil. „Ich lernte das Notenlesen mit drei Jahren“, erzählte sie vor einer Gruppe von Schülern im Alter von sieben bis neun Jahren. „Es ist harte Arbeit und ihr müsst immer wieder üben“. Wenn es ihre Termine zulassen, dann spielt Rice einmal in der Woche Klavier bei einem Kammermusik-Ensemble in Washington. Jetzt, in Paris, sang sie leise mit, als die Schüler ein französisches Lied anstimmten. In einem anderen Klassenraum hörte Rice bei einem Chorwerk von Beethoven zu. „Wunderbar“, lobte sie die Schüler. „Beethoven-Stücke sind für den Gesang am schwersten, doch hier sieht es alles so leicht aus.“ Sich selbst ans Klavier setzen wollte Rice nicht. Wenn sie Dvoraks Piano-Quintett in A-Dur einstudiert habe, an dem sie derzeit mit ihrem Ensemble arbeite, werde sie es auf ihrem nächsten Besuch spielen. „Nächstes Mal spielen Sie für Paris“, sagte ihr Gastgeber.

Die Fußstapfen, in die Condoleezza Rice als Außenministerin tritt, sind gewaltig. Ihr Amtsvorgänger Colin Powell war nicht nur der populärste Vertreter der Bush-Regierung – laut Meinungsumfragen zählte er sogar zu den meistgeachteten Amerikanern überhaupt. Powell vertraute man, er hatte zu seinen Gesprächspartnern einen einzigartigen Zugang, sagte ein arabischer Staatsführer einmal. „Als Erstes fragt Powell, worauf es seinem Gegenüber ankommt. Dann erklärt er ihm, wie sich die USA die Lösung des Problems vorstellen.“ Doch anstatt Rice mit Powell zu vergleichen, sollte man sie lieber an ihren früheren Auftritten für das Weiße Haus messen, sagt ein Regierungsbeamter. Sie kenne ihre Stärken. Im Gegensatz zu Powell, der mit der komfortablen Autorität eines Vier-Sterne-Generals ins Amt ging, ist Rice eine Akademikerin, die auf die Sowjetunion spezialisiert ist. Und im Gegensatz zu Powells Ungezwungenheit ist Rice übergenau. Noch bevor sie als Ministerin vereidigt war, hatte sie die ersten zwei Monate ihrer Amtszeit genauestens verplant. Auf ihrer Reise wollte sie nichts dem Zufall überlassen: Sie traf sich einmal pro Woche zu vorbereitenden Gesprächen mit den Botschaftern der Staaten, die sie besuchen wollte.

Disziplin, das ist Condoleezza Rices Stärke. Selbst auf den anstrengenden Reisen fürs Außenministerium steht sie allmorgendlich um fünf Uhr auf, um mit dem Fitnesstraining zu beginnen. Ein hoher Beamter, der mit Rice beim Nationalen Sicherheitsrat gearbeitet hatte, erinnert sich, wie sie ihn häufig um sechs Uhr morgens anrief, nachdem sie beim Training bereits die Zeitungen studiert hatte. „Wenn sie mich nach einer bestimmten Meldung fragte, konnte ich nur erwidern, dass nicht jeder seine Zeitung bis sechs Uhr erhalten und gelesen hat.“

Condoleezza Rice speist und reist leicht. Auf den Flügen schaffte sie die vom diplomatischen Sicherheitsdienst bevorzugten Cheeseburger ab, stattdessen gibt es nun gesunde Kost. Selbst ihre diplomatischen Gesprächspartner spielen mit: Beim Treffen mit dem russischen Außenminister in Ankara gab es ein leichtes Shrimps-Gericht. Und auch beim Gepäck mag es Rice leicht: Ein Koffer und eine Kleidertasche reichen ihr.

Wie Präsidenten schwappt auch Außenministerinnen zunächst eine Welle der Begeisterung entgegen. Als Bill Clinton in seiner zweiten Amtszeit Madeleine Albright als Außenministerin vorstellte, wurde die erste weibliche Top-Diplomatin mit Lobeshymnen überschüttet. „Verrückt nach Madeleine“, titelte das Magazin Newsweek. Vier Jahre später war die Begeisterung verpufft. Das Außenministerium konnte nicht einmal die Hälfte der Pressesitze auf Albrights Flügen füllen.

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