Wirtschaft : Die Leiden der „Unschuldigen“ im E-Mail-Krieg

Elektronische Filter schützen vor dem Werbemüll im elektronischen Briefkasten – oft blockieren sie aber auch wichtige Nachrichten

Mylene Mangalindan

Im Frühjahr merkte Lynn Sonfield, dass sie übergangen wird. Obwohl sie einen elektronischen Newsletter der Berkeley High School abonniert hatte, kamen die Mitteilungen der Schule nie bei ihr an. So erreichten sie weder die Benachrichtigungen über die Elternabende noch die Ankündigung, wann ihre 16-jährige Tochter mit ihrem Kommunaldienst beginnen solle. Verärgert beschwerte sie sich beim verantwortlichen Lehrer - der alle Schuld von sich wies. Das Problem, so vermutete er zu Recht, liege an America Online (AOL), dem Internet-Diensteanbieter von Lynn Sonfield. Dort wurden die Nachrichten als unerwünschte Werbepost, auch Spam-Mail genannt, eingestuft und abgefangen.

Im Kampf gegen die Spam-Sendungen ist Lynn Sonfield zwischen die Fronten geraten. Leidtragende wie sie werden von der Internet-Industrie inzwischen die „Unschuldigen“ genannt. Immer mehr Internet-Provider bauen in ihre Programme Filter ein. Darin fangen sich dann sämtliche Massensendungen, weil sie ungewollte Spam-Post sein könnten. Andere legitime Sendungen werden blockiert, weil ihr Absender auf eine der schwarzen Listen gelangt ist, mit denen Spam-Gegner den Werbemüll eindämmen wollen. „Für zweifelhafte E-Mails gilt bei uns der Grundsatz: erst blockieren dann nachfragen“, sagt ein Sprecher von AOL.

AOL bestätigt, dass Massensendungen zunehmend blockiert werden. Vor allem, wenn sie von privaten Nutzerkonten ausgehen, was als beliebte Taktik der Spam-Absender gilt. Der Lehrer der Berkeley High School hatte 350 E-Mails auf einmal versandt. Dies war genug, um die Spam-Filter zu aktivieren. Einige Nachrichten kamen zurück, viele wurden von den Filterprogrammen einfach geschluckt. Für Sonfield und andere Eltern war das Ergebnis frustrierend. „Kaum jemand konnte sich erklären, warum er keine Nachrichten empfangen hat“, sagt sie.

William Rowan, Direktor des Künstlervereins Pacific Collective Art, erging es nicht besser. Er lud zur Präsentation eines Künstlers nach San Jose ein und sorgte für ein breites Unterhaltungsprogramm. An dem Abend erschienen 200 Gäste, nur der Künstler fehlte. Auf den panischen Anruf von Rowan erklärte er, er habe seine Teilnahme einige Tage zuvor per E-Mail abgesagt. William Rowan bekam die Nachricht jedoch nicht zu Gesicht, weil sie von seinem Internet-Service Yahoo in den Sammelordner für unerwünschte Werbenachrichten, den „Bulk-Mail“-Ordner, geleitet wurde. „Es war eine sehr peinliche Angelegenheit, weil viele Gäste nur wegen ihm gekommen waren“, sagt er.

Fragwürdige Post würde zwar zunächst gesondert abgelegt, sagt eine Yahoo-Sprecherin. Sie würde aber nicht gelöscht und könne daher vom Nutzer zu jeder Zeit eingesehen und überprüft werden. Nicht einmal ein Prozent der so gespeicherten Sendungen entpuppe sich als wichtige Nachricht, die der Nutzer wirklich empfangen wolle, sagt die Yahoo-Sprecherin.

Sogar die US-Wettbewerbskommission, selbst eine ausgemachte Gegnerin der Werbemails, tappte im vergangenen Monat in die Spam-Falle. Innerhalb weniger Stunden versandte die Behörde Tausende E-Mail-Bestätigungen an Verbraucher, die ihren Telefonanschluss vor Marketing-Anrufen schützen wollten. Ein Teil der Nachrichten blieb allerdings in den Spam-Filtern stecken, weil einige Provider die Sendungen als Werbemüll blockierten. Die Behörde musste die Serviceanbieter davon überzeugen, dass man doch wenigstens Nachrichten der Wettbewerbshüter passieren lassen müsse.

Für die Internet-Anbieter ist das vorsorgliche Blockieren von legitimen Nachrichten ein notwendiges Übel. Die Ausbreitung von Spam ist zu einer großen Belastung des Internets geworden. Bis zu 45 Prozent aller Sendungen sind inzwischen Spam. Da ist der Schaden durch fälschlich herausgefilterte E-Mails vergleichsweise gering. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass der Computer nicht entscheiden kann, welche Nachrichten erwünscht sind und welche nicht. Die Definition für eine „erwünschte“ Sendung ist äußerst vage. Oft übersieht oder vergisst der Nutzer auch, dass er auf einer Internetseite ein Kästchen zu deaktivieren hat, das ihm die Zusendung von Werbemails ankündigt. Die Spam-Absender behaupten dann, alle weiteren Nachrichten seien erwünscht.

Systemverwalter haben das Recht, auf schwarze Listen oder andere Methoden zum Abblocken der Werbesendungen zurückzugreifen, sagt Margie Arbon vom Mail Abuse Prevention System, wo solche Listen erstellt werden. „Wir müssen ständig abwägen," sagte sie auf einer Konferenz der US-Wettbewerbskommission im Mai. „Auf der einen Seite sind die Eigentumsrechte der Empfänger und auf der anderen das Recht zur freien Meinungsäußerung.“

Übersetzt und gekürzt von Matthias Petermann (Monti, Frankreich), Christian Frobenius (Alstom), Tina Specht (Campbell, Spam).

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