Wirtschaft : Die Liebe ist frei

Arbeitsgericht entscheidet gegen den Ethikkodex von Wal Mart, der Beziehungen zwischen Kollegen verbietet

Dagmar Rosenfeld

Berlin - Der amerikanische Handelskonzern Wal-Mart wird zwischen seinen deutschen Mitarbeitern Liebesbeziehungen dulden müssen. Das Arbeitsgericht Wuppertal hat Wal-Mart untersagt, einen Teil der Bestimmungen seines Verhaltenskodex’ anzuwenden. Der Gesamtbetriebsrat des Konzerns hatte gegen den 28 Seiten dicken Vorschriftenkatalog geklagt, der unter anderem das „Liebesverbot“ enthält. In zehn Punkten gab das Wuppertaler Gericht dem Kläger Recht, weil sie gegen das „Mitbestimmungsrecht der Arbeitnehmervertreter“ verstoßen, wie der Vorsitzende Richter dem Tagesspiegel am Donnerstag sagte. „Alle Vorschriften, die das Ordnungsverhalten der Mitarbeiter in der Firma betreffen, müssen mit dem Betriebsrat abgesprochen werden.“ Das hatte Wal-Mart offenbar unterlassen.

Der Handelskonzern, der mit Single-Shopping-Abenden in seinen deutschen Filialen für die Kunden Amor spielt, wollte das Liebesleben der eigenen Mitarbeiter maßregeln: „Sie dürfen nicht mit jemandem ausgehen oder in eine Liebesbeziehung mit jemandem treten, wenn Sie die Arbeitsbedingungen dieser Person beeinflussen können oder der Mitarbeiter Ihre Arbeitsbedingungen beeinflussen kann“, heißt es in der Richtlinie von Wal-Mart. Erfährt einer der Mitarbeiter, dass ein Kollege gegen die Vorschriften verstößt, so soll er darüber „unverzüglich“ berichten. Dazu hat Wal-Mart eine Ethik-Hotline eingerichtet, die die Mitarbeiter verächtlich „Schnüffelleitung“ nennen. Wer gegen die Richtlinien verstößt, dem droht die Kündigung.

Der Kampf zwischen Mitarbeitern und Konzernführung bei Wal-Mart steht auch für das Aufeinanderprallen von zwei unterschiedlichen Unternehmenskulturen, der amerikanischen und der deutschen: Wal-Mart hat offenbar nicht begriffen, dass Arbeitsbeziehungen in Deutschland rational und vertraglich geregelt werden – gemeinsam mit den Sozialpartnern. Was aber nicht heißt, dass hierzulande ein Ethikkodex für Mitarbeiter etwas Ungewöhnliches ist. „Solche Verhaltensrichtlinien gibt es mittlerweile in vielen Firmen“, sagte Hans Ochmann, Mitglied der Geschäftsführung der Managementberatung Kienbaum. Vor allem bei Konzernen, die international tätig sind, sei ein Ethikkodex sinnvoll. Denn dadurch werde weltweit ein einheitliches Auftreten und Verhalten der Mitarbeiter gewährleistet.

Mc Donalds, IBM, Ford, BASF – sie alle haben Leitlinien für ihre Mitarbeiter. Allerdings geht keiner der Konzerne in Deutschland so weit, dass er das Liebesleben seiner Angestellten reglementiert. Das bedeutet aber nicht, dass in deutschen Firmen sexuelle Freizügigkeit gilt. „Bei Liebesaffären wird es immer dann problematisch, wenn Führungskräfte darin verwickelt sind“, sagte Ochmann. Zwar können die Manager wegen ihres Liebeslebens nicht gefeuert werden, wie es in den USA möglich ist. „Aber informell hat so etwas meist doch Konsequenzen, etwa eine Versetzung in eine andere Abteilung“, sagte Ochmann.

Die Ethikrichtlinien der meisten Unternehmen in Deutschland unterscheiden sich noch in einem weiteren Punkt von dem Wal-Mart-Kodex: Sie sind gemeinsam mit dem Betriebsrat verabschiedet worden. So hat der US-Technologiekonzern Lucent in seiner deutschen Niederlassung im März eine Betriebsvereinbarung über eine Ethikrichtlinie geschlossen. „Darin ist etwa das Verhalten der Mitarbeiter gegenüber Kunden und Lieferanten geregelt, aber auch Antidiskriminierungs- und Umweltbestimmungen“, sagte Sprecherin Martina Grüger-Büs. Festgelegt ist jedoch auch, dass das deutsche Arbeitsrecht jederzeit Vorrang vor den Ethikbestimmungen hat.

Auch Ford hat eine Art Kodex, und zwar eine betriebliche Vereinbarung über partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz. „Mitarbeiter dürfen nicht wegen ihrer sexuellen Neigung diskriminiert werden“, sagte eine Ford-Sprecherin. Bei dem Autobauer gibt es sogar ein schwul-lesbisches Mitarbeiternetzwerk. McDonalds hingegen verteilt an alle Mitarbeiter eine Broschüre, die sie über die Firmenleitlinien informiert. Von Sauberkeit bis hin zu dem Verbot, Geschenke von Kunden oder Lieferanten anzunehmen,werde den Mitarbeitern ein Leitfaden gegeben, wie sie sich verhalten sollten, sagte eine Sprecherin. Mit Liebespaaren in der Belegschaft habe man keine Probleme. Schon so manche Liebenden, die sich bei der Arbeit kennen gelernt haben, hätten ihre Hochzeit in der Mc Donalds-Filiale gefeiert.

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