Wirtschaft : Die Macht der Netze: Medial rundum versorgt

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Blättern wir in Zukunft nur noch per Touch-Screen durch Goethes Werke? Müssen wir, bevor wir den Fernseher einschalten, unser Modem konfigurieren? Wird AOL/Time Warner der globale Netz-Navigator, der uns alle elektronisch an die Hand nimmt und unsere Konsumwünsche kennt und erfüllt? - Die Visionen der Medienwirtschaft über ihre multimediale Vernetzung reichen weiter als der Leser, Zuschauer und Internet-Surfer der Gegenwart fassen kann. Ähnlich wie die Software-Industrie hat die Medienbranche ihr Netz schon weit ausgeworfen. Unter der Überschrift Konvergenz werden in diesen Netzwelten einzelne Medienplattformen vom gedruckten Wort über die Informations- bis zur Telekommunikationstechnologie miteinander verknüpft. So öffnet etwa der Fernseher der Zukunft zugleich die Tür ins Internet: Wir klicken die Sonnenbrille unseres Stars an, und das intelligente TV führt uns zu dem Shop, der sie uns verkauft.

Ob es so kommt, wie die Gerätehersteller voraussagen, ist allerdings offen. Wahrscheinlicher als die Konvergenz der Endgeräte ist das Zusammenwachsen der Übertragungswege. In der Sprache der Netzwelt heißt das: Aus "Push"- werden "Pull"-Medien. Der Zuschauer bekommt seine Information nicht mehr nur zugeschoben, sondern er zieht sich die Inhalte, die er braucht, selber aus dem Netz. Video-on-Demand ist so eine Vernetzungsidee, die bald zu unserem Alltag gehören wird. Kapital aus diesem Selbstbedienungsladen schlagen integrierte Konzerne, die - wie in diesem Jahr AOL und Time Warner - "content", also Inhalt, und elektronischen Vertrieb zusammenführen. Zum Imperium des "ersten Medien- und Kommunikationsunternehmens für das Internet-Jahrhundert" gehören Printnachrichten, Kabel-TV und Shopping-Kanäle und, zum Beispiel, die meistgenutzte MP3-Software. Mediale Rundumversorgung: Der Mediennutzer muss das Machtnetz von AOL/Time Warner nicht mehr verlassen.

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