Wirtschaft : Die Macht der Netze: Von Marco Polo lernen, heißt Handeln lernen

Rainer Hank,Bas Kast

Weltweite Handelsnetze sind nichts Neues: Reiche Menschen in Europa haben sich schon vor vielen hundert Jahren Tee und Gewürze von entlegenen Gegenden der Erde bringen lassen. Wer sich das leisten konnte, genoss Ansehen und Prestige. Händler fanden immer schnellere und billigere Wege, den Wunsch der Menschen zu befriedigen.

England hat mit der Region um Bordeaux immer schon reichen Tausch getrieben und große Mengen französischen Weins importiert. Kriege zwischen den beiden Ländern haben den Handel zwar immer wieder unterbrochen. Doch der gute Geschmack gab keine Ruhe: Die englische Wirtschaft reagierte auf die Kriege, indem sie die Geschäftsverbindungen mit Portugal intensivierte und portugiesischen Wein importierte, der freilich dem Gaumen der verwöhnten Briten nicht genügte. Also schickten diese ihre Ingenieure nach Portugal mit dem Auftrag, den Ausbau des Weins zu verbessern: Sie fügten Branntwein hinzu und entzogen dem Traubensaft den Fruchtzucker. Es war die Geburt des Portweins.

Noch ein Beispiel: Als Marco Polo aus China zurückkehrte, hatte er das Rezept für Nudeln mitgebracht. Nicht die Italiener, sondern die Chinesen besitzen das Patent auf Pasta. Weil die Transportkosten hoch und die Kamele langsam waren, machte es freilich wenig Sinn, Spaghetti zu importieren. Zumal sich zeigt: Wer das Rezept kennt, weiß, wie Nudeln gemacht werden.

Doch egal, ob konzeptuell oder real: Allemal nützt die Vernetzung des Wirtschaftens den Konsumenten. Immer schon. Aber heute geht es schneller. Im Jahr 5000 vor Christus, als jeder von jedem getrennt lebte, dauerte es Hunderte von Jahren bis das Rad erfunden wurde und die Idee von Region zu Region bekannt wurde. Mit der Erfindung des Internets sind aus Jahrhunderten Sekunden geworden. Weltweiter Austausch von Waren, Dienstleistungen oder Konzepten erhöht den Wohlstand: Zwischen Christi Geburt und dem Jahr 1500 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen von 90 auf 140 Dollar verbessert. Zwischen 1500 und 1900 wuchs der Wohlstand auf durchschnittlich 680 Dollar. Aber von 1900 bis heute machte das Pro-Kopf-Einkommen einen Sprung auf 6500 Dollar.

Und dennoch: Das Projekt, die Märkte enger zusammenzuführen, spaltet gerade heute die Menschen. Auf der einen Seite befinden sich die Protagonisten der Vernetzung. Die Welt kann ihnen gar nicht global genug sein. Offene Märkte ohne Zölle und Barrieren sind das ehrgeizige Ziel. Auf der anderen Seite stehen die Antagonisten, die in dem Globalisierungsvorgang eine zunehmende Erosion sozialer Werte sehen. Bei allen Unterschieden - eines ist den Apologeten und Apokalyptikern gemeinsam: die stillschweigende Annahme, dass die Globalisierung ein unaufhaltsamer Prozess ist. Was die einen bedauern, begrüßen die anderen.

Der Grund für diese Annahme liegt auf der Hand. Die Globalisierung wird gemeinhin als ein durch Technik getriebenes Phänomen eingestuft. Tatsächlich lässt sich der Fortschritt der Kommunikationstechnologie wohl kaum aufhalten. Niemand kann die Netze trennen und die Kabel zerschneiden. Kommunikation über die Kontinente ist im Laufe der Geschichte nicht nur effektiver, sondern auch immer billiger geworden.

Zwischen 1930 und 1990 sind die Kosten für ein dreiminütiges Telefonat von London nach New York von über 244 Dollar auf unter vier Dollar gefallen. Analoges trifft zu auf den Transport. Wenn aber die Kommunikations- und Transporttechnologie unaufhaltsam voran schreiten und die Marktintegration weitgehend von diesem Faktor bestimmt wird, dann, so die Logik, muss auch die Globalisierung ein unaufhaltsamer Vorgang sein.

Diese Annahme ist falsch. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges hatte das Ausmaß der Globalisierung tatsächlich stetig zugenommen: "Während sie im Bett ihren Tee schlürfen, konnten Londons Bürger telephonisch alle Produkte dieser Welt bestellen", notierte John Maynard Keynes 1920 begeistert. "Was für eine außerordentliche Episode der Fortschrittsgeschichte der Menschheit, die im August 1914 zu Ende ging." Der Erste Weltkrieg war es, der die Vernetzung stoppte - und es sollte so bald keine Fortsetzung geben: Auf den Ersten Weltkrieg folgte 1929 die Wirtschaftskrise. Kriege, Weltwirtschaftskrisen, Protektionismen und Totalitarismen vermochten den offenen Märkten einen Dämpfer zu versetzen, eine gefährliche Mischung aus politischen und makroökonomischen Schocks. Viele Menschen leugneten jetzt den Zusammenhang zwischen offenen Grenzen und wirtschaftlichem Wachstum. Der Prozess der Vernetzung hatte sich umgekehrt.

Das krasseste Beispiel liefert Großbritannien. 1913 lag sein Anteil des Handels am Bruttoinlandsprodukt - gemeinhin das Maß für die Globalisierung - knapp unter 30 Prozent. Mit Beginn des Krieges sank der Außenhandelsanteil radikal. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg stieg er wieder - auch wenn er deutlich unter dem Wert von 1913 blieb. Für Großbritannien gilt das bis auf den heutigen Tag. Während die Technik unaufhaltbar voran schritt, schotteten sich die Nationen voneinander ab. 50 bis 70 Prozent des Welthandels waren fortan von Einfuhrtarifen betroffen - Tarife, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Gatt-Verhandlungen nach und nach wieder abgebaut wurden. Die Politik hatte der Globalisierung ein Ende bereitet. Aus Angst vor einem Versagen der Märkte, besetzte sie die Kommandohügel. Die Güter-, Finanz- und Arbeitsmärkte unterlagen allesamt strenger Regulierung. Die Folgen für die Wirtschaft sind evident: die empirischen Belege dafür, dass Freihandel und offene Märkte das Wachstum stimulieren sind überwältigend. Theoretisch gibt es ohnehin keinen Zweifel am Prinzip des komparativen Vorteils durch internationale Arbeitsteilung: Jeder soll sich auf das konzentrieren, was er am besten kann. Wenn Michael Jordan nicht nur ein guter Basketball-Spieler wäre, sondern auch ein sehr effizienter Gärtner, wäre es gleichwohl das Beste für ihn, er ließe sich den Rasen von einem anderen mähen, den er dafür bezahlt.

Übertragen auf den Vorteil der Vernetzung heißt das: Es ist für Deutschland sinnvoll, bestimmte Güter zu importieren (Textilien, landwirtschaftliche Produkte), weil der komparative Vorteil bei anderen Dingen liegt: Biotechnologie, Maschinenbau oder Medien.

Ein Rückschlag ist denkbar

Heute liegt das Maß der Vernetzung weltweit wieder über dem Niveau von 1913. Kaum jemand wird bestreiten, dass Märkte und Menschen derzeit in viel höherem Grade integriert sind, als am Anfang des 20. Jahrhunderts. Während das späte 19. Jahrhundert vor allem Güter tauschte - Wein oder Kleidung -, konzentriert sich im 20. Jahrhundert der Austausch auf Technologien, auf Finanz- und Humankapital.

Aber bedeutet dies, dass die Globalisierung irreversibel geworden ist? Ist es denkbar, dass es in Zukunft wieder zu einem Stopp oder gar einer Rückentwicklung kommt? In den Wirtschaftswissenschaften wird zur Zeit eine heftige Debatte darüber geführt, wie wahrscheinlich so ein Rückschlag ist. Zwei Risikofaktoren stehen im Vordergrund

Ein neuer Protektionismus. Sinkende Löhne für niedrig qualifizierte Arbeitskräfte ängstigen die Menschen in den entwickelten Ländern. Anfang des 19. Jahrhunderts, als viele nach Amerika emigrierten, wurde der US-Arbeitsmarkt mit Billigarbeitskräften geradezu überschüttet. Die Folge: Sinkende Löhne für niedrig qualifizierte Arbeiter. Eine vergleichbare Situation bringe die Globalisierung mit sich, sagen viele. Einfache Arbeit ist zudem leichter zu ersetzen durch Kapital. Standorte können in Länder verlagert werden, die in der Produktion eines bestimmten Gutes besser sind und vor allem kostengünstiger sind als andere. Leistungsträger der neuen Wissensgesellschaft werden, weil sie knapp sind, besonders gut bezahlt.

Die Spreizung der Einkommen wächst. Wenn Einkommensungleichheit der Preis für offene Märkte ist, dann, so empfinden es viele, ist zuviel Vernetzung von Übel. In den 20er Jahren wurde in den Vereinigten Staaten durch die Immigration der Druck auf die Politik dermaßen groß, dass das Land die Grenzen dicht machte. Ein vergleichbares Szenario ist auch heute denkbar, wenn mächtige Interessengruppen die Politik von der Notwendigkeit überzeugten, eine Politik der Grenzschließung zu betreiben.

Erhöhte Krisengefahr nach Öffnung. Ein zweiter Risikofaktor liegt in den Entwicklungsländern. Die Öffnung eines Landes führt auf lange Sicht zwar zu Wachstum, aber nicht immer sind die Effekte schon kurzfristig zu spüren. Umgekehrt wächst die Gefahr einer Finanzkrise. Dass viele Länder nach der Asienkrise Ende der neunziger Jahre sich so rasch wieder erholt haben, ist kein Beweis dafür, dass vergleichbare Schocks nicht mehr stattfinden oder in ähnlich kurzer Zeit bewältigt werden können. Der amerikanische Ökonom Paul Krugman hat Recht: "Die Öffnung der Märkte macht sie zugleich verwundbarer." Enttäuschte Erwartungen der Bevölkerung nach einer Öffnung könnten Forderungen nach neuem Protektionismus schnell wieder aufflammen lassen. Kapitalverkehrskontrollen für die Finanzmärkte sind seit der Asienkrise in aller Munde. Verzögerungen sind nicht ausgeschlossen.

Ist eine Rückkehr zu Protektionismus also wahrscheinlich? Tatsächlich hat es in den letzten Jahren keine neuen, ernst zu nehmenden multilateralen Verhandlungen gegeben. Die von vehementem Protest begleitete WTO-Konferenz in Seattle vor gut einem Jahr blieb ohne Resultat - und bis heute hat sich die Welthandelsorganisation von diesem Schock noch nicht erholt. Einerseits gibt es also durchaus eine gewisse Gefahr. Doch andererseits gibt es Anzeichen, dass die Kräfte der Vernetzung überwiegen. Der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer ist zuversichtlich: Das Ausmaß der technischen Revolution sei unterdessen so stabil, dass die Politik sich nicht wirklich dagegen stemmen kann, sagte Tietmeyer kürzlich auf einer Tagung der Herbert-Quandt-Stiftung über vernetzte Welten.

Am Ende steht Optimismus

Länder, die ihre Märkte geöffnet haben - in Südamerika, im Baltikum oder in Asien -, haben dies nach Ausweis aller Kennzahlen nicht bereut, selbst wenn die Öffnung im ersten Moment wie ein Schock auf die Menschen gewirkt haben sollte. Nationen und Kontinente, die sich gegen die Vernetzung sperren, sei es aus eigenem oder fremdem Verschulden, bleiben zurück. Doch noch teilen nicht alle den emphatischen Optimismus des Weltbank-Chefökonomen Michael Mussa: "Rund um den Globus werden die Menschen sich für die Vernetzung entscheiden. Denn sie kennen die Vorteile des internationalen Handels und des freien Verkehrs von Menschen und Kapital." Mussa fügt hinzu: "Zu dieser Einsicht wird sich niemand zwingen lassen. Doch gerade das könnte dafür bürgen, dass die Menschen den Zusammenhang zwischen einer vernetzten Welt und einer besseren wirtschaftlichen Zukunft einsehen werden."

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