Wirtschaft : Die Medienbranche im Großraum Berlin-Potsdam lebt vom Zuzug

JOACHIM HUBER

Der Traum vonder magnetischen Anziehungskraft hat sich verflüchtigtVON JOACHIM HUBER

Mit ihren traditionellen und neuen Medien stehen Berlin und Brandenburgzueinander in Kooperation und Konkurrenz.Außerdem muß die Region anderenStandorten Paroli bieten.An Versprechen und Verheißungen fehlt es nicht."Die Region Berlin-Brandenburg soll zum modernstenTelekommunikationszentrum Europas ausgebaut werden", schreibt Ron Sommer,Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Telekom AG, in derInformationsbroschüre "Medienstandort Berlin-Brandenburg" der Partner fürBerlin GmbH.In der Gegenwart hat es der Kommunikationsriese freilich nochnicht einmal bewerkstelligt, seine Kabelnetze für das Fernsehenangebotsgerecht zu erweitern.Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg ist Dauerkunde vor denVerwaltungsgerichten, um diesen TV-Veranstalter umzusetzen und jenem einenKabelplatz zu verschaffen.Oder der Medienstandort Adlershof: In den Augenvieler Fachleute hat sich die Medienstadt Babelsberg vor ihn gesetzt.Unterrühriger Geschäftsführung und mit dem Rückenwind der Bertelsmann-TochterUfa sind auf dem ruhmreichen Gelände modernste Studiokapazitäten für Filmund Fernsehen hochgezogen worden, bietet das High-Tech-Center im BereichMultimedia neueste Technologie.Und der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) in Potsdam wird zurInternationalen Funkausstellung im Herbst das digitale Sendezentrum für dieARD in Betrieb nehmen.Aber auch Babelsberg bietet keine reineErfolgsgeschichte: die anvisierte Produktion der ARD-Daily Soap "VerboteneLiebe" ging im Wettlauf der Standorte nach Köln.Berlin und Brandenburg mitihren traditionellen und neuen Medien von Information und Kommunikationstehen zueinander in Kooperation und Konkurrenz.Außerdem muß die RegionStandorten wie dem Köln-Düsseldorfer Raum, München, Hamburg und LeipzigParoli bieten.Immerhin, das alte und gar nicht so alte Denken, wonach Berlin qua Existenzmagnetische Anziehungskräfte entwickelt, hat sich in der Hauptstadtverflüchtigt.Die involvierten Senatsverwaltungen, noch immer alles andereals in effektiv vernetzter Anstrengung unterwegs, haben einsehen müssen,daß Kärrnerarbeit zu leisten ist.Regierung und Verwaltung von Brandenburgsind vorne dran.Die Wahrheit ist, daß Berlins Medienbranche vom Zuzuglebt, zu guten Teilen im Vorfeld des Regierungsumzugs.Das innere Wachstumist schwach, eine Flut von Neugründungen ist abgesehen von Solitären wiedem privaten Nachrichtenfernsehen N-tv nicht hereingebrochen.Betrachten wir die traditionellen Medien, zunächst Radio und Fernsehen.Zweifellos ist die Hörfunkdichte gewaltig.In Berlin feiert das(privatwirtschaftliche) Formatradio seine Triumphe, hier werdenInnovationen wie das evangelische Radio Paradiso oder das Newstalk-Formatgestartet.Aber die mehr als drei Dutzend Programme können nicht verdecken,daß die Renditen schmal bis nicht vorhanden, daß die hochtechnisiertenStationen kein "Job-Wunder" kreiert haben.Und der Sender Freies Berlinsucht unter Ächzen und Stöhnen sein Personal zu verkleinern.Dennoch wirdder einschlägige Arbeitsmarkt wachsen.Was publizistisch noch in der Ferne liegt, ist im fiktiven Segment schongreifbar.Berlin und sein Umland sind Kulisse, sind Dreh- undProduktionsort für Film und Fernsehen, die Metropole ist dasSynchronisationszentrum der Republik.Mit einem Umsatzvolumen von beinahe600 Mill.DM und mehr als 6500 festen und freien Mitarbeitern ist die Film-und Fernsehwirtschaft ein starker Wirtschaftsfaktor, stark aus sich heraus,gefördert durch den Filmboard Berlin-Brandenburg, kulminierend in denjährlichen Filmfestspielen und der alle zwei Jahre und 1997 wiederstattfindenden Internationalen Funkausstellung.Kommt das politische Bonn nach Berlin-Mitte, werden sich in konzentrischenKreisen die Studios der Sender und die Büros der Agenturen und Printmedienanlagern.Allein die Dependance des Zweiten Deutschen Fernsehens wird denhiesigen Mitarbeiterstamm der Mainzer Anstalt mit 300 Menschen nahezuverdreifachen.Und Sat1, der zweitgrößte Privatsender in Deutschland,konzentriert seine Standorte nahe der Friedrichstraße.Was bei denelektronischen Medien Zuwachs auslösen wird, wird auch den(journalistischen) Printbereich anschieben.Bonn und seine Folgen sollenBerlin plus Brandenburg wirtschaftlich mindestens konsolidieren, eben dasUmfeld schaffen, das den hochkompetitiven Printmarkt mit den Tageszeitungenin seinem Zentrum stabilisiert.Ob die Verlagsgruppe Holtzbrinck, die Medienkonzerne Springer und Gruner +Jahr - sie warten und sie müssen erwarten, daß unter all ihre Objektezwischen Abonnement und Boulevard endlich starker Aufwind kommt.DasSchicksal der angesehenen und doch nicht marktgängigen "Wochenpost" stehtwie ein Zeichen an der Wand.Zwei Tendenzen sind hier eingeschrieben: nurkonzerngebundene Zeitungshäuser können die aktuelle Durststreckedurchstehen, umgekehrt das Investment der Unternehmen kalkulierte Hoffnungauf eine zukünftige Rendite ausdrückt.Was die Region auszeichnet und ihrzugleich zu schaffen macht, ist die Tatsache, daß die Medienkonzere mitDependancen, nicht aber mit ihren Zentralen in der Hauptstadt vertretensind.Auch der Regierungssitz Berlin wird die Mediengeschichte derBundesrepublik nicht umschreiben.Zeitschriften, Journale und Magazinewerden anderswo gemacht.Weniger bemerkt, aber umso bemerkenswerter: Berlin ist schon seit langemdie zweitgrößte Verlagsstadt der Republik.Das offizielle statistischeJahrbuch der Buchbranche, "Buch und Buchhandel in Zahlen", verzeichnet rund230 Verlage, doch alle Klein- und Miniverlage eingerechnet haben mehr als300 Verlage in der Stadt ihren Sitz; zwei davon gehören zu den zehn größtenin Deutschland.Berlin hat auch nach der Anzahl der publizierten Bücher ausWissenschaft und Belletristik hinter München den zweiten Platz inDeutschland inne.Seit der Wende haben sich prominente Verlagsnamen inBerlin neu etabliert: Rowohlt Berlin, Berlin Verlag, Albrecht Knaus Verlag;auch Cornelsen, der größte deutsche Schulbuchverlag, hat seineverlegerischen Aktivitäten in Berlin zusammengefaßt.Eine absolut verläßliche Kopfzahl der kreativen "Medien-Tätigen" in derRegion zu fixieren, ist aufgrund des schwammigen Oberbegriffs und derzahlreichen Beschäftigungsverhältnisse zwischen zeitweise und übers ganzeJahr, zwischen festangestellt, fest-frei und frei beschäftigt, sehrschwierig.Die Zahl 60 000 ist einmal genannt worden.Einfacher tut mansich bei der Informations- und Kommunikationstechnik.Ausweislich desInformationsheftes "Medienstandort Berlin-Brandenburg" sind in mehr als2100 Unternehmen über 23 000 Mitarbeiter tätig.Allein im Bereich derTelekommunikation seien es rund 500 Firmen mit mehr als 7000 Mitarbeitern.Damit nicht genug.35 Forschungseinrichtungen in der reichenWissenschaftslandschaft beschäftigten sich mit der Entwicklung praxisnaherAnwendungen.Berlin mit seinem hohen Verkabelungsgrad in analoger undzunehmend digitaler Technik bietet zudem zahlreiche Möglichkeiten derErprobung.Die Spanne in der Telekommunikation reicht von der DeutschenTelekom AG, die laut Ron Sommer bis zum Jahr 2000 im Citybereich Berlinsrund 250 000 Anschlüsse in modernster Glasfasertechnik bereitstellen wird,bis zu jungen, hochinnovativen Multimedia-Unternehmen wie dem ART+COMMedientechnologie und Mediengestaltung e.V., der Pixelpark MultimediaProduktionsgesellschaft mbH oder dem High-tech-Center in Babelsberg.Über dem Sektor schwebt die Vision von "Digital-City", aus der virtuellenSphäre in erste feste Form gegossen in dem Publikumsschlager der Infobox amPotsdamer Platz.Der Wirtschaftssenator rechnet mit 200 000 neuenArbeitsplätzen innerhalb der Stadtgrenzen.Allerdings hat es an Prognosen,richtigen wie falschen, am Medienstandort Berlin-Brandenburg bislang niegefehlt.

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