Wirtschaft : „Die meisten Menschen fühlen Angst“ Forscher Scherhorn über die Psyche der Verbraucher

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Herr Scherhorn, Konsumforscher nennen als Grund für die Kaufzurückhaltung die Krise bei Karstadt und Opel. Wieso aber hält etwa ein Bäckermeister in Frankfurt sein Geld zusammen, wenn Arbeitsplätze bei Opel in Bochum gefährdet sind?

Opel und Karstadt sind ein Symbol für das, was die meisten Menschen fühlen – und das ist Angst.

Angst wovor?

Davor ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Dieses bereits vorhandene Gefühl wird durch die Nachrichten von Karstadt und Opel bestärkt. Und deswegen wirkt sich die Krise dieser Konzerne auf die Stimmung der Verbraucher insgesamt aus. Das geht aber auch nur, weil das allgemeine Vertrauen in die Wirtschaft und Politik ohnehin schon beschädigt ist.

Dann hat also die Politik ein Vermittlungsproblem, schließlich hat sich die Konjunktur in diesem Jahr erholt. Das muss sich doch positiv auf die Verbraucherstimmung auswirken?

Das würde voraussetzen, dass die Konsumenten bereits einen Anlass hätten, zu denken, dass es wieder aufwärts geht. Den haben sie aber nicht.

Warum nicht?

Erst wenn die Menschen wieder spürbar mehr Geld in der Tasche haben, wird auch die Stimmung besser. Derzeit aber fürchten sie, bald noch weniger zu haben, nicht zuletzt wegen der Debatten um Arbeitsplatzverlagerung, längere Arbeitszeiten und die Kürzungen von Sonderleistungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld. Debatten, wie sie eben bei Karstadt und Opel geführt werden. Da kann die Regierung noch hundertmal versichern, es gehe mit der deutschen Wirtschaft bergauf. Das wird die Stimmung im Land nicht ändern.

Dennoch bleibt Fakt, dass die Konjunktur sich in diesem Jahr erholt hat. Ist die gefühlte Stimmung also schlechter als die tatsächliche Lage?

Das mag sein. Aber beim Verbrauchervertrauen geht es nunmal um subjektive Einschätzungen. Es ist doch mittlerweile so, dass fast jeder, egal aus welcher sozialen Schicht er kommt, in seinem Bekanntenkreis Leute hat, die entlassen worden sind oder schon länger arbeitslos sind. Und das, was die Menschen in ihrem eigenen Umfeld sehen und hören, reicht schon völlig aus, um sie zu verunsichern – dazu muss ihre eigene Arbeitsstelle überhaupt nicht gefährdet sein.

Also halten die Leute ihr Geld vorsichtshalber zurück?

Das ist der eine Grund für das schlechte Konsumklima. Der andere ist aber nach wie vor der Euro, den die Deutschen als Teuro empfinden. Dieses Gefühl der Verbraucher ist zunächst von der amtlichen Statistik vehement bestritten worden. Mittlerweile aber ist klar, dass die alltäglichen Dinge teurer geworden sind. Und das hemmt auch die Kaufkraft.

Das Gespräch führte Dagmar Rosenfeld.

Gerhard Scherhorn war Wirtschaftsweiser und leitet heute die Forschungsgruppe „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“ am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie.

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