Wirtschaft : Die Milch hat’s in sich Jahrelang waren

die Lebensmittelpreise stabil. Jetzt steigen sie rapide. Was ist bloß passiert?

Maren Peters

Sollte das etwa das Ende vom Einkaufsparadies Deutschland sein? Jahrelang waren Lebensmittel in keinem anderen europäischen Land so billig zu haben wie hierzulande. Während Franzosen, Spanier und Italiener schon immer gerne Geld für die leckerste Pastete oder den schmackhaftesten Rohmilchkäse ausgaben, stöberten Deutsche in den zahlreichen Discountern nach dem billigsten Joghurt. Kaum eine andere europäische Nation gibt gemessen am Haushaltsbudget so wenig Geld für Lebensmittel aus, bei zwölf Prozent lag der Anteil im vergangenen Jahr. Geiz war einfach geil.

Doch das ändert sich gerade überraschend schnell. Nachdem die deutschen Lebensmittelpreise jahrelang stabil waren, steigen sie seit einigen Wochen so schnell, dass es manchem Verbraucher ganz schwindelig wird. Erst hob der Handel die Preise für die Schlüsselprodukte Milch und Butter bundesweit an, dann zogen Bäcker, Brauer, Kaffeeröster, Margarinehersteller und Keksfabrikanten mit kräftigen Aufschlägen nach oder kündigten diese zumindest an – aus ganz unterschiedlichen Gründen (siehe unten).

Marktforscher wie Wolfgang Twardawa von der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) erwarten, dass weitere Warengruppen folgen werden. „Mitnahmeeffekte kann man für die Zukunft nicht ausschließen“, sagte Twardawa dem Tagesspiegel am Sonntag.

Auch beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) geht man davon aus, dass im Windschatten der Milchpreiserhöhung weitere Verteuerungen anstehen. Der VZBV vermutet dahinter auch Absprachen im Handel. „Die Preiserhöhungen bei Milch und Butter haben gezeigt, dass es Absprachen gab“, sagt Verbandssprecher Christian Fronczak. Das Bundeskartellamt ist gerade dabei, den Vorwurf wettbewerbswidriger Absprachen in der Milchindustrie zu prüfen.

Der weltgrößte Nahrungsmittelhersteller Nestlé kündigt eine Verteuerung bislang nur für Speiseeis (Mövenpick, Schöller) an – als Folge gestiegener Milchpreise. „Das wird nicht von heute auf morgen passieren, aber mittelfristig wird es Preiserhöhungen geben“, sagt Nestlé-Deutschland-Sprecher Alexander Antonoff. Bei anderen Produkten hält sich der Hersteller starker Marken wie Kitkat und Nescafé mit einer Prognose zurück. Dank seiner Marktmacht hatte es sich der Schweizer Konzern aber schon vor der Verteuerung von Milch und Weizen leisten können, die Verkaufspreise anzuheben, wie Nestlé bei der Vorstellung der glänzenden Halbjahreszahlen in der vergangenen Woche offenbart hat. Dadurch konnten gestiegene Rohstoffkosten abgefedert werden.

Steigende Preise erwartet auch der Finanzmarkt. Grund für die Annahme sind die drastisch gestiegenen Getreidekosten (siehe Interview), die auf schlechte Ernten und eine stark gestiegene Nachfrage zurückgehen. Eine immer größere Menge von Mais und Weizen landet als Biotreibstoff im Tank. Allein 2006 waren es 17 Millionen Tonnen mehr als im Vorjahr. Auch für die nächsten Jahre erwarten die Experten zusätzliche Nachfrage und höhere Getreidepreise. „Das wird auch auf andere Lebensmittelpreise ausstrahlen“, schreiben die Analysten der BHF-Bank in einer gerade vorgelegten Studie. Soll heißen: Wenn mehr Weizen verfahren wird, steigen die Futterkosten für Kühe und darum auch der Fleischpreis. „Alles in allem müssen sich die Verbraucher auf höhere Preise für Grundnahrungsmittel einstellen“, schlussfolgert auch die Deutsche Bank in einer Studie.

Ob Preiserhöhungen aufgrund höherer Rohstoffkosten oder höherer Qualität gerechtfertigt seien, könnte der Verbraucher im Supermarkt im Zweifelsfall allerdings gar nicht nachvollziehen, kritisiert der VZBV. „Das ist eine große Blackbox“, klagt Fronczak. „Die Industrie sollte daher auf Heller und Pfennig offenlegen, wie die Preise zustande kommen.“ Im Handel wird dies mit Verweis auf Wettbewerber schnell zurückgewiesen.

Einzelhandels-Präsident Josef Sanktjohanser hatte die Frage, ob es nun endgültig vorbei sei mit den günstigen Lebensmitteln in Deutschland, kürzlich mit Verweis auf den scharfen Wettbewerb vehement zurückgewiesen. GfK-Mann Twardawa sieht das anders. Bei den Nahrungsmitteln habe der Druck auf die Preise in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen. Hersteller, Industrie und Handel hätten mit Margen leben müssen, die nicht auskömmlich seien. „Dieser Druck löst sich jetzt“, sagt er. „Es kann ja auch nicht angehen, dass die Milch im Supermarkt auf Dauer billiger ist als Wasser.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar