Wirtschaft : Die Mitarbeiter tun sich mit der Fusion schwer

Jeffrey Ball

Wer geht wohin, wie wird die Versetzung versüßt? Das Knirschen im Verschmelzungsgetriebe soll mit Arbeitsgruppen behoben werdenJeffrey Ball

In einem fensterlosen Konferenzraum, 15 Stockwerke unter der Chefetage, diskutieren sieben amerikanische und deutsche Angestellte der DaimlerChrysler AG hitzig über die Zukunft des Automobilkonzerns: Müsste eine Broschüre, die den Mitarbeitern eine Bewerbung für den Firmensitz in Übersee schmackhaft machen soll, nun rund wie der Globus sein oder doch lieber konventionell rechteckig? Das Problem, das dieser Kontroverse zugrunde liegt, ist alles andere als banal. Zwar liegt die Fusion zwischen Daimler-Benz und Chrysler neun Monate zurück. Doch faktisch gibt es heute statt einem noch immer zwei Unternehmen - ein deutsches und ein amerikanisches.

Marathonsitzungen der Arbeitsgruppen

Wer auf globaler Geschäftsebene Pionierarbeit leisten möchte, muss seine Beschäftigten auf Touren bringen. Nur das macht sich bezahlt. Dutzende Arbeitsgruppen pendeln derzeit zwischen den beiden Firmensitzen in Stuttgart und Auburn Hills bei Detroit hin und her. In Marathonsitzungen arbeiten sie die Details der Fusion aus. Aber niemand hat bisher darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig - aber auch problematisch - es ist, zu einem vereinten Akteur auf internationaler Ebene zusammenzuwachsen. Es wäre weitaus wichtiger, sich darauf zu konzentrieren, als der Belegschaft ein neues Konzept für längere Auslandsaufenthalte aufzutischen.

In diesem Jahr will DaimlerChrysler 80 Mitarbeiter auf einen zwei bis fünf Jahre langen Austausch zwischen Deutschland und den USA schicken. Kein leichtes Unterfangen. Besonders die Amerikaner tun sich mit einem Umzug nach Übersee schwer. Chrysler hat reagiert und den Aufenthalt in Deutschland verkürzt. Doch stellen zusätzliche persönliche Gründe ein Hindernis dar. Zum einen sprechen die wenigsten Amerikaner deutsch, zum anderen fällt es ihnen schwer, ihre geräumigen Häuser gegen ein kleines Domizil in Stuttgart einzutauschen.

Tatsächlich liegt der Kern dieses Problems woanders. Zwischen Daimler und Chrysler besteht ein gravierender Unterschied. Chrysler hat seinen Sitz inmitten des größten Automobilmarktes der Welt. Internationale Aufträge spielten eine untergeordnete Rolle. Konsequenz: Es wurden nur wenige Freiwillige für das Ausland gebraucht. Nur etwa 300 Angestellte sind außerhalb der Vereinigten Staaten stationiert, während 1500 Mitarbeiter von Daimler überall in der Welt arbeiten.

Auf der anderen Seite wechseln die Deutschen als typische Europäer nur selten den Wohnort. Die hohen Grundstückspreise und der aufwendige Bürokratismus machen Umzüge in oder nach Deutschland zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit. Entscheiden sich die Deutschen schließlich doch, mit Sack und Pack ins Ausland zu gehen, ist es dann meist für mehrere Jahre. "In der amerikanischen Kultur ist es dagegen weniger üblich, das Land für längere Zeit zu verlassen," sagt Christoph Seyfarth, Leiter der deutschen Delegation der Auslandsaustausch-Arbeitsgruppe. Seiner Meinung nach besteht eine große Kluft zwischen dem Streben des Konzerns nach Internationalisierung und den ganz realen Bedürfnissen der Mitarbeiter in Hinblick auf ihre Karriere, Familie und die Vergütung. Einer der umstrittensten Aspekte ist, wie großzügig DaimlerChrysler das "Exil" entlohnen wird.

Da Chrysler in den alten Tagen weniger Auslandsmitarbeiter beschäftigte, fielen die Sozialleistungen entsprechend hoch aus: Allein um die Kosten für die neue Wohnungseinrichtung zu bestreiten, wurde ein Bonus von drei Monatsgehältern an die Mitarbeiter bezahlt. Auch der Umzug ging zu Chryslers Lasten, ebenso Hotel- und Bewirtungskosten. Und natürlich wurde das Gehalt entsprechend den höheren Lebenshaltungskosten im Ausland aufgestockt.

Diese endlose Provisionsliste lässt die Daimler-Anwältin Anja C. Valdiek vor Neid erblassen. Denn Daimler zahlte zwar eine Gehaltsanpassung, aber der Ortswechsel selbst wurde nur mäßig vergütet. Außerdem wurden lediglich die Hotelkosten erstattet, Speis und Trank gingen auf eigene Kosten.

Die Chrysler-Manager sparen lieber an anderer Stelle. Stichwort Broschüren. Auf amerikanischer Seite hält man eine aufwändige Aufklärungs- und Werbebroschüre für einen Ortswechsel für überflüssig. Die meisten Informationen könnten über das Intranet der Firma abgerufen werden, gibt Raymond Wilhelm, langjähriger Mitarbeiter bei Chrysler, zu bedenken. Doch da hat er die Rechnung ohne die deutschen Gewerkschaften gemacht. Die würden sich mit solchen Lösungen nicht zufrieden geben, schließlich habe nicht jedes Firmenmitglied Zugang zum Intranet, argumentiert Seyfarth. "Unbegreiflich", murmelt Wilhelm kopfschüttelnd.

An der deutsch-amerikanischen Austausch-Arbeitsgruppe zeigt sich, wie sensibel eine Fusion zweier Kulturen ist. Als sich das Team des "Umsiedlungsprojekts" letzten Herbst zum ersten Mal traf, waren die Mitglieder auf beiden Seiten zurückhaltend. Vorurteile mussten abgebaut werden. So stellten sich die Deutschen nicht als stahlhelmtragende Befehlsempfänger dar, und die Amerikaner hatten wenig von Billy the Kid. Das Eis brach schließlich. In den folgenden Monaten verbrachten die Gruppenmitglieder etwa jede dritte Woche miteinander, mal in Auburn Hills und mal in Stuttgart. Die Reisedauer betrug jedes Mal zwischen 10 und 14 Stunden. "An den Jetlag werde ich mich nie gewöhnen", stöhnt Wilhelm.

Planlose Diskussionen, lebhafte Feiern

Die Konferenzen zogen sich natürlich über den ganzen Tag hin. "Die Diskussionen waren planlos und führten zu nichts", sagt ein Mitarbeiter. "Und so entschieden wir uns, ganz von vorn anzufangen." In den folgenden Monaten verbrachte die Gruppe Hunderte von Stunden mit kniffligen Gesprächen - einige davon via Konferenzschaltung oder Videoverbindung, um Reisestunden zu reduzieren.

Letzten Endes führte der große Aufwand doch zu einem Kompromiss. Für die Mitarbeiter, die ihre Zelte andernorts aufschlagen, wird es einen Bonus von einem Monatsgehalt geben. In Sachen Broschüre konnten sich die Deutschen mit der zwar teureren aber fantasiereichen Globusform durchsetzen. Nur bei der Farbgebung sind letzte Zweifel noch nicht ausdiskutiert.
© 1999

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