Wirtschaft : Die Modeschöpferin denkt über den Rückzug nach - übernimmt der Konzern Prada die Mehrheit?

Gregor Lipinski

Am liebsten macht sie alles selbst. Wenn Jil Sander in Mailand oder Tokio ihre Models über den Laufsteg schickt, dann ist immer eine große Crew von Mitarbeitern dabei, aber letztlich entscheidet doch immer die Chefin. Welches Mannequin? Welche Frisur soll das Model tragen? Und welche Schuhe?

Für die vom US-Lifestyle-Magazin "Vanity Fair" "Queen of Less" genannte Designerin zählt vor allem eine Eigenschaft - Perfektion. Und das macht Arbeit. Schon öfter hat die 56-jährige Modeschöpferin angesichts der Belastung anklingen lassen, sie wolle sich bald aus dem Geschäft zurückziehen. Vor diesem Hintergrund erschien eine Meldung der italienischen Finanzzeitung "Il Sole 24 Ore" von Dienstag realitätsnah. Das Blatt berichtete, dass sich das Mailänder Modehaus Prada mehrheitlich an der Jil Sander AG beteiligt habe. Die Großaktionärin Jil Sander habe 130 000 Aktien für umgerechnet mehr als 200 Mill. DM verkauft. Die Meldung ließ Sander in einer Ad-hoc-Mitteilung dementieren; die Gesellschaft habe "keine Kenntnis" von Aktienkäufen durch Prada. Doch die "Financial Times" will aus Bankenkreisen erfahren haben, dass die Unterzeichnung eines entsprechenden Vertrages bis Ende des Monats vorgesehen sei. Mündlich seien sich die Modeschöpferin und Prada bereits einig.

"Meine Kleider haben eine Seele", meinte Jil Sander einmal, die eigentlich mit bürgerlichem Namen Heidemarie Jiline Sander heißt. Die 1943 in Wesselburen geborene Modemacherin hat es in mehr als 20 Jahren von der Besitzerin einer kleinen Boutique im feinen Hamburger Stadtteil Pöseldorf zur Inhaberin eines weltweit agierenden Modeunternehmens mit mehr als 200 Mill. DM Umsatz und 450 Mitarbeitern gebracht.

Die gelernte Textilingenieurin arbeitete nach ihrer Ausbildung zunächst als Moderedakteurin bei dem amerikanischen Magazin "McCalls" sowie bei der deutschen Frauenzeitschrift "Petra". Ihre erste Kollektion erschien 1973 unter ihrem Namen. 16 Jahre später brachte sie die Jil Sander AG an die Börse, die neben Bekleidung auch Lizenzprodukte wie Kosmetika, Lederwaren und Brillen verkauft.

Während sie jahrelang ausschließlich Mode für Frauen entwarf, brachte sie nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten 1998 ihre erste Herrenkollektion auf den Markt. Dank dieses neuen Geschäftsfeldes konnte die Jil Sander AG 1998 Umsatzeinbußen aus dem Asiengeschäft ausgleichen.

Doch den Textilkonzern drücken zunehmend Ertragsprobleme. Vor allem die schwache Konsumneigung in Deutschland macht dem Management schwer zu schaffen. Dies hat sich mittlerweile auch in der Aktiennotierung niedergeschlagen. Der Kurs der Vorzüge sackte seit Juli 1998 mit 550 Euro kontinuierlich auf rund 300 Euro ab.

Prada, das ähnlich puristische Mode wie Jil Sander macht, könnte eine gute Adresse sein. Seit Anfang des Jahres verfügt der Prada-Konzern nach dem Verkauf seines Gucci-Aktienpakets an den französischen Luxuskonzern LVMH Moët Hennessy Luis Vuitton S.A. über ausreichend Liquidität.

Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hat Jil Sander im Unternehmen nicht aufgebaut. Er könnte von außen kommen. "Jeder Mensch ist ersetzbar", hat sie einmal gesagt. Das Unternehmen hat eine Größenordnung erreicht, dass es auch ohne seine Gründerin auskäme.

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