Wirtschaft : Die Moskauer Börse stürzt ab

Ölkonzern Jukos nach Verhaftung von Chodorkowskij vom Handel ausgesetzt / Putin warnt vor Hysterie

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Berlin (fo/hop/HB). Die Verhaftung des Chefs des russischen Ölkonzerns Jukos, Michail Chodorkowskij, hat am Montag nicht nur zu Turbulenzen an der Moskauer Börse geführt. Die USA sehen die Spannungen zwischen der russischen Regierung und dem Unternehmen mit großer Sorge. Einige Experten befürchten nun eine verstärkte Kapitalflucht aus Russland. Vertreter der deutschen Wirtschaft glauben allerdings nicht, dass der Fall Jukos Auswirkungen auf die Lieferungen von Öl und vor allem Gas sowie auf die Investitionssicherheit in Russland haben wird.

Präsident Wladimir Putin warnte vor einer „Hysterie“. Zugleich bestritt er politische Motive hinter der Aktion der Justiz gegen den Vorstandschef von Russlands größtem Erdölkonzern Jukos. Dem am Wochenende verhafteten Chodorkowskij werden schwerer Betrug und Steuerhinterziehung angelastet. Vertreter der großen russischen Industrie- und Unternehmerverbände kamen zu einer Krisensitzung zusammen.

Die Verhaftung des Jukos-Chefs löste an Moskaus Börse einen Kurssturz aus. Der Aktienindex RTS brach um zehn Prozent ein. Die Landeswährung Rubel kam unter Druck. Der Handel mit dem Jukos-Papier wurde am Morgen für eine Stunde ausgesetzt, nachdem der Kurs um fast zwanzig Prozent gefallen war. Analysten werteten die Verhaftung als Rückschlag für die ökonomische Entwicklung. Sie fürchten eine Verstärkung der Kapitalflucht. Im dritten Quartal haben Russen 7,7 Milliarden Dollar ins Ausland transferiert, mehr als dreimal so viel wie in der Vorjahresperiode.

Die USA seien besorgt über die „Eskalation der Spannungen im Umfeld des Jukos-Konzerns“, sagte US-Botschafter Alexander Vershbow in Moskau. Auch die deutsche Regierung verfolge die Ereignisse „sehr aufmerksam“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Die USA sehen ihre Interessen akut gefährdet, weil die beiden Konzerne Exxon-Mobil und Chevron-Texaco über eine Beteiligung an Jukos verhandeln. Die Gespräche seien ausgesetzt, heißt es in Zeitungsberichten. Harald Feldhoff, Ölexperte der WGZ- Bank, erwartet aber keinen Abbruch der Verhandlungen. Hier stünden langfristige Überlegungen dahinter. Zudem werde sich die Lage schnell wieder beruhigen, wenn es nicht zu weiteren Verhaftungen komme.

Die Ereignisse in Russland werden in Deutschland kritisch beobachtet, vor allem wegen der engen Verbindungen zum Staatskonzern Gazprom. Die Eon-Tochter Ruhrgas ist mit 6,4 Prozent der einzige ausländische Aktionär. Gazprom ist zugleich Mitgesellschafter beim zweitgrößten deutschen Gasversorger Wingas. Wingas ist ein Gemeinschaftsunternehmen der BASF-Tochter Wintershall (65 Prozent) und von Gazprom (35 Prozent). Gazprom und Wintershall gelten auch als Interessenten für den ostdeutschen Ferngasversorger VNG, der zum Verkauf steht. Ein Wintershall-Sprecher sagte dem Tagesspiegel, die seit 1993 bestehende Verbindung stehe auf sicherem Boden. Gazprom sei als Lieferant von Erdgas seit Jahrzehnten ein „zuverlässiger Partner“. Auch den Investitionsstandort Russland sieht er nicht in Gefahr. Mit dem Ölkonzern Lukoil betreibe man gemeinsam die Förderung von Erdöl und mit Gazprom sei gerade ein Joint-Venture zur Förderung von Erdgas gegründet worden.

Die russische Ölbranche sucht derzeit nach ausländischen Investoren. Russland will mehr Öl exportieren. Hierfür müssen neue Pipelines gebaut werden. Der britische BP-Konzern hat jüngst für mehr als sieben Milliarden Dollar ein Joint-Venture mit der russischen Ölfirma TNK gegründet.

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