Wirtschaft : Die Musik spielt wieder in Berlin

Vor der Popkomm zeigt sich die Industrie optimistisch: Neue CDs und Songs im Netz verkaufen sich gut

Philip Volkmann-Schluck

Berlin - Seit Jahren kämpft die Musikindustrie gegen schrumpfende Umsätze. Doch steigende Zahlen bei kostenpflichtigen Musik-Downloads und neue CD-Vertriebskonzepte sorgen pünktlich zur Musikmesse Popkomm für Optimismus in der Branche. „Wir haben die Talsohle hinter uns, es geht langsam bergauf“, sagte Hartmut Spiesecke, Sprecher des Deutschen Phonoverbandes. Die Popkomm ist die größte europäische Musikmesse. Sie findet vom 14. bis 16. September auf dem Berliner Messegelände unter dem Funkturm statt. Die Veranstalter erwarten bis zu 17000 Besucher. Von rund 740 Ausstellern sind 70 Prozent aus dem Ausland.

Das Geschäft mit der Musik aus dem Netz kommt Gang: Mit acht Millionen Downloads hat „Musicload“, das Portal von T-Online, in den ersten acht Monaten des Jahres bereits die Absatzzahl des deutschen Marktes im gesamten Vorjahr übertroffen. Bei „iTunes“, dem Musikportal des weltweiten Marktführers Apple, ging kürzlich der 500-millionste Download durch die Leitung. Doch die guten alten Zeiten wird die Branche nicht wieder sehen, sagen Experten. Seit 1997 ist der Tonträgermarkt um 40 Prozent eingebrochen. Durch den neuen Vertriebskanal Internet strömen zudem zahlreiche neue Anbieter auf den Markt: Auch die Handy-Industrie hat das Geschäft entdeckt. Der Preiskampf wird härter.

„In drei Jahren könnte das Download- Geschäft bis zu 18 Prozent des Marktes ausmachen“, sagt Maarten Steinkamp, Europa- und Deutschlandchef von Sony BMG, im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Ein Ende der CD-Ära sei aber noch lange nicht absehbar. Derzeit machen legale MP3s nur rund zwei Prozent des Branchenabsatzes aus. „Die Musikindustrie steckt mitten in einem Strukturbruch, weil kostengünstige oder gar kostenlose Angebote im Internet die etablierten Vetriebswege über Plattenläden unter Druck setzen“, sagt Jürgen Schaaf von Deutsche Bank Research. Die Folge sei, dass die Preise für herkömmliche CDs sinken, die Konzerne aber zugleich versuchen, ein höheres Preissegment zu etablieren.

Tatsächlich verkauft Sony BMG seit vergangenem Jahr CDs in mehreren Preisstufen, von der Edelversion mit umfangreichem Bonusmaterial bis zur Sparversion im Stil einer Taschenbuchausgabe. Universal Music ist seit August mit einem ähnlichen Konzept am Markt. Das Konzept sei erfolgreich, bei einigen Produkten habe sich die Verkaufszahl mehr als verdoppelt, heißt es bei Sony BMG. „Jeder Konsument hat differenzierte Preisvorlieben. Verständlich, ein Mercedes kostet schließlich auch nicht so viel wie ein Opel, nur weil beides Autos sind. Es ist höchste Zeit, dass wir darauf reagieren“, sagte Sony-BMG-Europachef Steinkamp. So seien Kunden bereit, für ihr hochwertig aufgearbeitetes Lieblingsalbum einen höheren Kaufpreis zu zahlen, während sie sich andere Songs nur für ein paar Cent in MP3-Qualität herunterladen wollen.Eine weitere Möglichkeit sind Multi-Media-Angebote. Seit einigen Wochen vertreibt Sony-BMG als erster deutscher Anbieter die Dual Disc, eine Kombination aus Musik-CD und Video-DVD. „Wir haben viel zu lange Videos von unserer Musik getrennt, das entspricht nicht den Kundenwünschen“, sagt Steinkamp.

„Langfristig steigen besonders die Chancen kleiner Musikverlage durch das Internet, weil sich ihre Produkte leichter verbreiten können“, sagt Analyst Schaaf. Insgesamt geht er davon aus, dass der Musikmarkt in Zukunft größer wird, weil über das Netz mehr Kunden erreichbar sind. Durch die größere Konkurrenz werde Musik deutlich günstiger. Bereits jetzt ist ein aktueller Song im Netz schon für weniger als einen Euro zu haben. Eine herkömmliche CD-Single kostet dagegen rund sechs Euro. In den USA läuft bereits ein Streit zwischen Apple und der Industrie. Der Vorwurf: iTunes verkaufe die Songs zu billig. Andere warnen hingegen vor Preiserhöhungen. Sie wollen, dass mehr Menschen sich daran gewöhnen, Musik online zu kaufen.

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