Wirtschaft : Die Mythen der Vergangenheit

Spleenig, exzentrisch, individualistisch – britische Autos sind keine Gebrauchsfahrzeuge, sondern eine Frage des Stils

Andreas Conrad

Eine imposante Parade, indeed! Elisabeth II. sollte zum 50-jährigen Kronjubiläum geehrt werden, und dazu hatte das automobile Britannien alles aufgeboten, was einst den PS-Stolz des Empire ausmachte. Ein Blechveteran nach dem anderen zog an diesem Sommertag des Jahres 2002 an der Queen vorbei, darunter Legenden des Linksverkehrs: Austin-Healey, Riley, Wolseley, Triumph, Austin, Morris. Sogar den Dienstwagen von James Bond, den Aston Martin DB5, hatte man aus dem Museum geholt. Wer konnte ahnen, dass der Triumphzug nur ein vorgezogener Trauermarsch für die britische Autoproduktion war, deren Ende als unabhängiger Industriezweig mit dem Untergang von MG Rover nun wohl besiegelt ist.

Wie glorios hatte die königliche Regierungszeit gerade in diesem Sektor begonnen. Wenige Wochen vor der Thronbesteigung schlossen sich verschiedene Autohersteller, darunter MG (als Morris Garages 1924 gegründet), zur British Motor Corporation (BMC) zusammen, dem viertgrößten Fahrzeughersteller der Welt. 1968 kam Rover dazu, seit 1905 im Automobilgeschäft, nun Teil der Leyland Motor Corporation. Über der neuen Superfirma British Leyland stand kein guter Stern. Bei deutschen Autofahrern war bald von „British Elend“ die Rede, ein Hinweis auf die überdurchschnittliche Leidensfähigkeit, die anglophilen Autobesitzern seither zugeschrieben wird. Der Name des britischen Elektrikzulieferers Lukas stand Eingeweihten bald für den „Gott der Finsternis“. Und der ADAC verpasste dem Triumph Spitfire die „Silberne Zitrone“. Wenngleich Neuwagen wie der Rover 75, aktuelles Flaggschiff der Flotte, oder der MG F die alten Britenschleudern mit ihrem teilweise bedenklichen Plumpudding-Styling in der Pannenstatistik längst nicht mehr erreichen – der Ruf einer erhöhten Anfälligkeit blieb an den Marken haften, wie auch ihren Besitzern gerne eine gewisse Spleenigkeit, eine Neigung zur Exzentrik, zumindest leicht überspanntem Individualismus zugesprochen wird. Denn wie fabrikfrisch ein englisches Auto auch sein mochte, die Mythen der Vergangenheit rollten stets mit und sei es in Form technischer Kuriositäten. Wer je die erstaunten Blicke der Passanten genoss, als er den Doppelvergaser seines MG B oben aufschraubte und Öl nachfüllte, wird das verstehen.

Ein britisches Auto zu fahren, das war immer auch eine Stilfrage, selbst wenn man sich weder John Steeds Bentley noch Emma Peels Lotus leisten konnte, geschweige denn den Jaguar E-Type von Jerry Cotton. Ein klassischer Roadster tut es ja auch, sportlich-elegant die Silhouette, beinhart in der Federung, mit viel Chrom und einer Vergasertechnik der Ära Churchill. Die Autos Großbritannniens, so schien es, waren noch von ehrlichen, vielleicht ein wenig zu streikfreudigen Arbeitern zusammengeschraubt worden. Und entworfen wurden sie offenbar von Männern, die alle „Q“ ähnelten, dem Waffenmeister von 007. Denn wie sonst konnte diese Autokultur entstehen, die selbst einem wie Auric Goldfinger Respekt abnötigte: „Ein interessanter Wagen, den Sie da fahren, Mr. Bond.“

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