• Die Nachfrage nach Mobiltelefonen steigt rasant - Ob die Aktienkurse mit dieser Entwicklung Schritt halten, ist jedoch nicht sicher

Wirtschaft : Die Nachfrage nach Mobiltelefonen steigt rasant - Ob die Aktienkurse mit dieser Entwicklung Schritt halten, ist jedoch nicht sicher

S. Schuffelen / H. Steuer

Mittlerweile ist jeder vierte Bundesbürger per Mobilfunk erreichbar, im Norden Europas sogar schon mehr als jeder zweite. Das Handy entwickelt sich zum Lieblingsbegleiter. Den führenden Herstellern Nokia, Ericsson und Motorola hat der weltweite Boom des Mobilfunkmarktes satte Kurszuwächse beschert. Doch wie geht es weiter?

Die Meinungen sind unterschiedlich. Die meisten Analysten empfehlen die drei Aktien weiterhin zum Kauf. Aber es sind auch immer mehr kritische Stimmen zu hören. Allen voran die Londoner Analysten Per Lindberg und Mark Loveland von Dresdner Kleinwort Benson. Sie raten dazu, die Aktien von Nokia und Ericsson schnellstmöglich abzustoßen. "Wir gehen davon aus, dass die Gewinne beider Unternehmen im kommenden Jahr um zehn bis 20 Prozent niedriger ausfallen als allgemein prognostiziert." Sie begründen dies unter anderem mit einem steigenden Margendruck: "Die Preise für Handys gehen Monat für Monat um etwa 1,5 Prozent zurück, pro Jahr ergibt sich ein durchschnittlicher Preisverfall von 15 bis 20 Prozent." Zudem mache Konkurrent Motorola Druck mit neuen Modellen und einer aggressiven Preispolitik. Den fairen Wert der Nokia-Aktie sehen sie bei 60 Euro, den von Ericsson bei 220 Schwedenkronen - und damit rund 50 beziehungsweise 45 Prozent unter dem aktuellen Kursniveau.

"Diese Einschätzung kann ich nicht nachvollziehen", sagt dagegen André Jäkel, Aktienspezialist für Technologiewerte bei der BHF-Bank. Der Absatz von Mobiltelefonen wird seiner Meinung nach auf absehbare Zeit um jährlich 25 bis 30 Prozent wachsen und der Markt für Mobilfunk-Infrastruktur sogar um 30 bis 35 Prozent. "Waren Mobilfunk und Internet bislang getrennte Welten, werden diese nun zu einem globalen Netz verschmelzen - und ganz neue Wachstumsperspektiven für die Unternehmen eröffnen", erklärt Jäkel. Tendenziell werde der Anteil an Sprachtelefonie zugunsten der Übertragung von Datendienstleistungen zurückgehen. Mit dem neuen Mobilfunkstandard UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) beginne in drei Jahren ein Generationswechsel.. "In der Infrastruktur ist Ericsson eindeutiger Marktführer und wird daher am meisten von der Einführung des neuen Standards profitieren", sagt Jäkel. Wer einsteigen will, dem rät Jäkel, vorübergehende Kursschwächen zu nutzen und bei Kursen um 320 bis 330 Schwedenkronen zu ordern.

"Bei Ericsson bezahlt der Anleger gegenwärtig zu viel Zukunftsmusik", sagt dagegen Sven Brouwers vom Bankhaus Lampe. Zwar schildere das Management die Perspektiven in rosigen Farben, doch der jüngste Kurssprung sei vor dem Hintergrund der Verluste in der Handysparte, die immerhin 30 Prozent des Umsatzes ausmache, nicht gerechtfertigt. "Immer wieder war Ericsson mit seinen Produkten zu spät am Markt", kritisiert Brouwers. Zudem lasse der erst kürzlich erfolgte Managementwechsel "größere Probleme vermuten, als an die Öffentlichkeit gelangen". Auf kurzfristige Sicht rät Brouwers daher zum Verkauf des Titels, den fairen Wert der Ericsson-Aktie sieht er bei etwa 300 Schwedenkronen.

Optimistischer ist Brouwers im Hinblick auf Nokia. Die Finnen hätten mit den jüngsten Quartalszahlen wiederum die Erwartungen übertroffen: Mit einem Umsatzanstieg von 49 Prozent und einem Gewinnwachstum von 61 Prozent bleibe Nokia unangefochten die Nummer eins im Handygeschäft. "Nokia wird am Boom des Mobilfunkgeschäfts in den USA überproportional profitieren", bestätigt André Jäkel. Ganz so optimistisch scheint die Nokia-Führung die Entwicklung des eigenen Unternehmens selbst nicht mehr zu sehen. Vor kurzem wurde bekannt, dass von neun Leuten der oberste Führungsetage acht ihre Aktien-Optionen vorzeitig eingelöst haben und so 334 Millionen Finnmark (110 Millionen Mark) als Gewinn einstreichen konnten. Allen voran Nokia-Konzernchef Jorma Ollila, der sich einen Optionsgewinn von umgerechnet 25 Millionen Mark sicherte.

Konkurrent Motorola scheint für den Wettbewerb gut gerüstet. Davon ist Tim Luke von Lehman Brothers überzeugt, der die Aktie zum Kauf empfiehlt. Motorola sei es gelungen, einen Prozessor zu entwickeln, der sowohl den europäischen Mobilfunkstandard GSM als auch die US-amerikanischen Standards verarbeiten könne. Dies werde Motorola einen Wettbewerbsvorsprung verschaffen. Das Kursziel für die Aktie sieht Luke bei 130 bis 135 Dollar in den nächsten zwölf Monate.

In einem Punkt sind sich die Analysten einig: Über mangelnde Nachfrage werden sich die Mobilfunkunternehmen auf Jahre hinaus nicht beklagen. Vielmehr bremsten knappe Produktionskapazitäten das Wachstum. Allein in Deutschland soll sich bis Jahresende ein Engpass von rund einer Million Mobiltelefonen auftun.

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