Wirtschaft : Die Nacht der langen Messer

Alfons Frese

Kurz vor Mitternacht fasst der Alte die Diskussion zusammen. Gut fünf Stunden hatte Klaus Zwickel seinen Spitzenfunktionären zugehört. Jetzt war er dran. „Nach der verlogenen Diskussion ist er der Einzige, der die Sache auf den Punkt bringt“, berichtet ein Vorstandsmitglied. Auf den Punkt: Die IG Metall hat im Osten ein Debakel erlitten, das die Schlagkraft der Organisation langfristig schwächt. Der Flächentarifvertrag ist beschädigt – in Ostdeutschland vielleicht irreparabel. Und Verantwortliche für den ganzen Schlamassel gibt es auch: Jürgen Peters, oberster Tarifpolitiker der IG Metall, und Streikführer Hasso Düvel. Düvel ist erledigt, da gibt es kaum Zweifel. Bis zur Vorstandssitzung der Gewerkschaft am 8. Juli will er über persönliche Konsequenzen entscheiden. Aber kann Peters Nachfolger von Zwickel werden?

Um fünf Uhr am Nachmittag hatte der 41 Personen starke Vorstand der IG Metall die Diskussion im Berliner Hotel Interconti begonnen. Gegen Mitternacht ruft der Vorsitzende zur Entscheidungsschlacht. Er selbst feuert die erste Kanone. Der Vorstand sei von Düvel und Peters getäuscht worden, weil die sich nicht an die beschlossene Streikstrategie gehalten hätten. „Wenn das stimmt, würde es in einem normalen Unternehmen eine fristlose Kündigung geben“, sagt ein Vorstand. Aber die IG Metall ist kein Unternehmen und schon gar nicht normal.

Zwickel droht. Womöglich habe er bald keine Lust mehr, sich für eine Politik in der Öffentlichkeit verdreschen zu lassen, für die andere verantwortlich sind. Zum Beispiel Jürgen Peters, der zu Beginn der langen Nacht erzählt hatte, was in vier Streikwochen und schließlich in der letzten Verhandlungsnacht passiert war. Warum es passiert war, sagte Peters nicht.

Der angeschossene Vize spielt auf Zeit. Für Schlussfolgerungen sei es zu früh, appelliert er an die Geduld der Anwesenden. Es gebe keinen Grund, jetzt Konsequenzen zu ziehen. Und überhaupt: darüber solle im Herbst der Gewerkschaftstag entscheiden. Wenn er die Nacht übersteht, so Peters’ Kalkül, dann kann er seine Truppen sammeln und für die nächste Schlacht in Stellung bringen. Als Peters seinen Kopf zu retten versucht, verlässt stundenlang niemand mehr den Saal. Ist der Vorstand schon so weit, um Peters das Misstrauen auszusprechen?

Gegen halb drei wird es draußen lebendiger. Die IG Metall vertagt sich. Um zwanzig vor drei kommt Zwickel raus – mit Peters. Knapp zehn Stunden haben sie hinter sich. Ob er seinen eigenen Rückzug ins Spiel gebracht habe? Zwickel lacht und ist überrascht. „Wie käme ich denn dazu?“ Abzutreten hat gefälligst der andere. Peters kichert gequält. Er habe „etwas anderes zu tun“ als über seine Kandidatur nachzudenken. Er sieht nicht so aus, als würde er das noch glauben.

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