Wirtschaft : Die Nasdaq ist für Innovative maßgeschneidert

John T.Wall, Präsident der New Yorker Börse für mittelgroße Technologie-Firmen, wirbt für den aufstrebenden BörsenplatzJohn T.Wall, 55, ist seit Oktober 1997 Präsident der Nasdaq-Börse für den rapide wachsenden internationalen Bereich.Davor war er Executive Vice President des Bereichs Neuemissionen, Investoren und internationale Dienstleistungen.In seiner neuen Funktion ist Wall für die strategische Entwicklung und das internationale Marketing von Produkten und Dienstleistungen sowie für das Listing nicht-amerikanischer Unternehmen verantwortlich.Der Job bringt ihn oft nach Deutschland.Für die zahlreichen kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die Kapital suchen, sei die Nasdaq-Börse maßgeschneidert, meint er.Mit John T.Wall sprach Walter Pfaeffle. TAGESSPIEGEL: Mr.Wall, Sie wurden ausgerechnet am 28.Oktober 1997 zum Präsidenten der Nasdaq International ernannt, als an der Wall Street die Kurse einbrachen und der Handel ausgesetzt wurde.Hat das eine Bedeutung? WALL: Es bedeutet nur, daß die Nachricht von meiner Beförderung völlig unbemerkt geblieben ist, sie ging sozusagen mit den Kursen den Bach runter. TAGESSPIEGEL: Wie schätzen Sie das internationale Wachstumspotential der Nasdaq-Börse ein? WALL: Gerade die traditionelle Ausrichtung der Nasdaq an den weltweiten Zentren der Liquidität hat dazu geführt, daß wir mehr internationale Listings als jede andere US-Börse verzeichnen können.Letztes Jahr zum Beispiel haben wir 76 europäische Unternehmen an Land gezogen, die New York Stock Exchange (Nyse) nur 53. TAGESSPIEGEL: Wie erklären Sie den raschen und steilen Aufstieg des Nasdaq-Marktes? WALL: Das hängt zum großen Teil mit der Entfaltung der Telekommunikationsindustrie zusammen, die etwa Mitte der siebziger Jahre begann.Uns gibt es seit 1971.Bei den meisten handelte es sich um kleine Firmen, die Kapital suchten, aber zu wenig Anlagevermögen hatten, um an der Nyse gelistet zu werden.Bei uns wurden sie mit offenen Armen empfangen: Microsoft, Intel, Oracle, MCI - alles Namen, die heute jeder kennt.Microsoft zum Beispiel ist am Börsenwert gemessen das zweitgrößte US-Unternehmen hinter General Electric.Dabei ist das Unternehmen nicht eimal 20 Jahre alt. TAGESSPIEGEL: Stimmt es nicht, daß sich die meisten Firmen an der Nasdaq hochpäppeln und wenn sie groß genug sind zur Nyse überlaufen? WALL: Die Nyse ist der traditionsreichste Markt, der das größte Prestige vermittelt.Daran läßt sich nicht zweifeln.Sie sehen aber an den Beispielen Microsoft und Intel.Das sind alles Nyse-fähige Unternehmen.Sie sind geblieben.Es ist auch wichtig, darauf hinzuweisen, daß die Abwanderungen seit 1982 stark zurückgegangen sind.Der Grund war die Einführung des Nasdaq National Market.Wir haben damals größere Publizität eingeführt.Das hat das Vertrauen in die Nasdaq gestärkt und die grossen Geldsammelstellen angelockt.Mit anderen Worten: Wir haben uns geändert, der Kunde gibt heute in der Kursgestaltung den Ton an.Meiner Ansicht nach ist unser elektronischer Markt besser als eine Präsenzhandel gestützte Börse. TAGESSPIEGEL: Dennoch wird, berechtigt oder nicht, immer wieder Kritik an Nasdaq-Praktiken geäußert.Man redet offen über Preisabsprachen zwischen Händlern und Kundenklagen.Selbst die Kartellwächter schnüffeln bei Ihnen herum.Was sagen Sie dazu? WALL: Der Fall ist inzwischen weitgehend erledigt.Die angeblichen Preisabsprachen - wir bestreiten es - hängen mit den Spreads zusammen.Das ist die Differenz zwischen Ankaufspreis und Verkaufspreis eines Market Makers.Vor einem Jahr habe wir neue Regeln der SEC (Börsenaufsichtsbehörde) übernommen.Sie geben dem einzelnen Anleger bessere und schnellere Preisinformationen und die Möglichkeit, seine Orders besser zu steuern.Unser System unterschiedet sich kaum noch von der Nyse. TAGESSPIEGEL: Was Sie ganz erheblich von der Nyse unterscheidet ist das Fehlen der Präsenzbörse, des Parkett also.Warum halten Sie ihre Börse für die bessere? NAME: Nasdaq ist im Gegensatz zu einem parkettgestützen Markt eine elektronische Börse.Der Parketthandel mit dem Orderfluß Geld.Selbstverständlich beschaffen wird uns Orders und führen sie aus, aber wir verkaufen vor allem aber auch Informationen.Es ist uns aber keineswegs gleichgültig, wo Orders ausgeführt werden; es hat keinerlei Folgen für unsere Geschäft.Einem parkettgestützen System kann das aber nicht gleichgültig sein.Der Nasdaq-Markt ermöglicht es Wertpapierfirmen, an einem bildschirmgestützten parkettlosen Markt miteinander zu konkurrieren. TAGESSPIEGEL: Halten Sie es für möglich, daß an der Nyse der Präsenzhandel eines Tages verschwindet? Ist die Nyse eine lebendige Fossilie? WALL: (lachend) Das ist Ihre Beschreibung, mit der will ich mich nicht identifizieren.Ich könnte es mir aber vorstellen, nur wird es lange dauern.Alte Trationen lassen sich nicht von heute auf morgen über Bord werfen.Das Parkett wird deswegen sicher noch lange überleben.Worauf es aber ankommt ist, wieviele Orders über das Parkett abgewickelt werden.Man kann heute schon beobachten, wie Transaktionen in elektronische Handelssysteme fließen.Schauen Sie sich Aktiien wie Compaq an.Bei uns wird täglich 25 Prozent des Handelsvolumens in Compaq abgewickelt.Ich bin sicher, daß in der Zukunft immer mehr Transaktionen elektronisch abgewickelt werden, schon allein deshalb, weil der Investor heute größere Effizienz fordert.Neue Technologien, verbesserte Telekommunikation verändern das Börsengeschäft, daran kann niemand etwas ändern.Man sieht es am Internet. TAGESSPIEGEL: Was planen Sie im internationalen Geschäft? WALL: Unsere Strategie ist simpel.Einerseits werden wir uns bemühen, nicht-amerikanische Unternehmen, die Kapital suchen, an die Nasdaq zu bringen, damit unsere amerikanischen Investoren am Erfolg dieser Firmen teilhaben können.Auf der anderen Seite versuchen wir, US-Unternehmen in Europa einzuführen, sodaß europäische Anleger ihre Aktien kaufen können.Wichtig ist, daß man allen Investoren alle Kapitalsammelstellen zugänglich macht

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