Wirtschaft : Die Net-Generation auf dem Vormarsch: Rotkäppchen Sekt und Zetti Knusperflocken aus dem Netz

Eberhard Löblich

Gibt es für Unternehmen, die sich wegen akuter Konkursgefahr vom Markt zurückziehen, eine zweite Chance? Das Beispiel des Ossiversands aus dem Süden Sachsen-Anhalts sagt: eindeutig ja. Das studentische Unternehmen, das Markenprodukte der ostdeutschen Nahrungs- und Genussmittelbranche übers Internet vertrieb, war zunächst vom eigenen Erfolg aus dem Markt gedrängt worden. Die studentischen Gesellschafter konnten das rasante Wachstum ihrer kleinen Wohnzimmerfirma nicht mehr finanzieren. Jetzt sind sie wieder da. Mit der gleichen Firma, der gleichen Unternehmensidee, aber mit frischem Kapital und professioneller Logistik.

Bereits Ende 1996 hatte die Agrar-Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt (AMG) die Menschen aufgerufen, "Päckchen nach drüben" zu packen. "Langsam ist es an der Zeit, sich beim Westen für die Pakete von damals zu bedanken" - so lautete das zentrale Motto einer Kampagne, die in erster Linie dazu dienen sollte, Markenprodukte aus Sachsen-Anhalt auch beim westdeutschen Verbraucher bekannter zu machen und über eine verstärkte Nachfrage den Druck auf die Filialketten zu erhöhen, ostdeutsche Produkte in die Regale zu stellen. Tatsächlich fand die Aktion den gewünschten Erfolg, die Branche der Nahrungs- und Genussmittelhersteller verzeichnete nicht nur in Sachsen-Anhalt beträchtliche Zuwachsraten. Doch als die Kampagne endete, blieben viele westdeutsche Regionen in den Vertriebsverzeichnissen ostdeutscher Markenartikler dennoch weiße Flecken.

Die Idee von Karin Wendling harrte also bereits geraume Zeit ihrer Umsetzung. Im Jahr 1998 gründete sie gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten den Ossiversand, ein Internet-Versandunternehmen für ostdeutsche Markenprodukte. Die Unternehmensphilosophie: Wer über die Ostpakete auf den Geschmack gekommen ist, die entsprechenden Produkte aber im Supermarktregal nicht findet, ist bestimmt bereit, sie über das Internet zu ordern.

Was zunächst nur als Hobby und allenfalls mittelfristig als potenzielles Sprungbrett in eine Berufstätigkeit für Wendling und ihre wenigen Mitstreiter gedacht war, traf den Geschmacksnerv der Kunden aber so genau, dass die vorhandene Infrastruktur, die Logistik und vor allem das Eigenkapital des jungen studentischen Unternehmens dem Nachfrage-Boom bald nicht mehr standhalten konnten. Vor allem das Eigenkapital war viel zu schmal zugeschnitten, um die ständig steigenden Umsätze vorfinanzieren zu können.

"Erschlagen vom eigenen Erfolg", umschreibt der Mitbegründer des Ossiversands, Jörg Ramlau, die Situation des Unternehmens vor etwa einem Jahr. Zwar habe es durchaus Avancen etwa der Stadt Leipzig gegeben, das Unternehmen mit dem pfiffigen Konzept ins Nachbarland Sachsen zu holen und ihm dafür auch mit Fördermitteln unter die Arme zu greifen. Aber die Mittel, die die Kommune dafür zur Verfügung zu stellen bereit war, schien den vom Scheitern am Erfolg bedrohten Internet-Versandhändlern nicht ausreichend. Der Ossiversand musste sich vom Markt zurückziehen.

Jetzt aber sind die Betreiber des kulinarischen Versandhandels wieder da. Geblieben war bei ihnen nämlich stets die Überzeugung, dass die Grundidee und das Konzept stimmen. Und dafür mussten sich die Jungunternehmer einen starken Partner suchen, den sie in Gerhard Franz jetzt gefunden haben. Der Geschäftsmann und Inhaber der Alpha Fenstertechnik in Landsberg im Saalkreis stellt den Löwenanteil am Grundkapital von 75 000 Euro, mit dem sich der Ossiversand jetzt am Markt und im Internet zurückgemeldet hat. Und die Aktiengesellschaft hat ihren neuen Sitz gleich auf dem Betriebsgelände ihres Mehrheitsaktionäres genommen, der zudem auch den Vorstandsvorsitz übernommen hat. Die einstige "Erfinderin" und Geschäftsführerin des Ossiversands, Karin Wendling, ist auf den Stuhl der Aufsichtsratsvorsitzenden gewechselt, ihr einstiger Co-Geschäftsführer Ramlau fungiert jetzt als Vorstandsassistent. Und natürlich bleiben beide über eigene Aktienbestände auch am erhofften Erfolg des Unternehmens beteiligt. "Die logistischen Möglichkeiten im Gewerbegebiet Landsberg sowie die hier in der Alpha Fenstertechnik vorhandenen Möglichkeiten für die Lagerhaltung und den Warenumschlag geben nun Gewähr für kurze Verarbeitungs- und Versandzeiten", sagt Karin Wendling.

Der Startschuss für die neue Firma wurde an einem symbolträchtigen Datum gegeben. Seit dem 3. Oktober 2000 ist der Ossiversand nun wieder da. Und hat sogar sein Angebot erweitert. Neben Rotkäppchen Sekt findet man unter der Rubrik "unsere Klassiker": Halberstädter Würstchen, Zetti Knusperflocken und den Brotaufstrich Nudossi. Die ostdeutschen Markenprodukte kann man künftig nicht nur übers Internet, sondern auch klassisch übers Telefon ordern. Unter der ebenso symbolträchtigen Rufnummer 0180-3 10 1990. Aber auch die Internetseite haben seit der Neugründung schon weit mehr als 1000 Kunden angewählt, um ihre Bestellungen loszuwerden. "Der durchschnittliche Bestellwert je Order liegt zwischen 50 und 100 Mark", sagt Franz. "Knapp 75 Prozent der Bestellungen kommen aus den alten Ländern, der Rest aus Ostdeutschland." Auch aus dem Ausland gebe es bereits erste Bestellungen. Die würden immerhin bereits ein Prozent des gesamten Umsatzes ausmachen. Dieses Mal, so sind Wendling und ihre Mitstreiter überzeugt, haben sie es richtig angefangen. "Wir hatten beim ersten Anlauf einfach das Problem, dass wir mit einer Sache, die als Hobby gedacht war, mehr Erfolg hatten, als wir mit unseren Mitteln überhaupt bewältigen konnten."

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