Wirtschaft : Die neue alte Angst der Bewag

Antje Sirleschtov

Wie viel Mitarbeiter ernährt eine Kilowattstunde Strom? Mit dem Verkauf der Bewag stellt sich diese Frage den Mitarbeitern nun aufs Neue. Wenn das Unternehmen in den nordostdeutschen Stromkonzern Neue Kraft eingegliedert wird, fürchten sie den Verlust von 500 oder 1000 oder noch mehr Stellen. Eine völlig begründete Angst. Nur, dass nicht die Gründung des neuen Energieriesen dafür verantwortlich ist. Die gegenwärtige Zahl der Beschäftigten in der Bewag wäre auch ohne die Einbindung in den Konzern gesunken. Der Grund: Jahrzehntelang wurde der Preis des Stroms - auch in Berlin - durch die Kosten der Monopolunternehmen bestimmt. Wo die Kunden keine Wahl hatten, wurden Marktpreise nie offenbar. In Berlin garantierte der Gebietsschutz mehr als 10 000 Mitarbeitern des örtlichen Versorgers den Arbeitsplatz. Erst die Öffnung des Marktes für Wettbewerbsangebote aus ganz Deutschland änderte dies: Seit RWE, Eon, EnBW, Yello oder einer der anderen Anbieter den Berlinern ihren Strom verkaufen können, muss die Bewag ihre Personalzahlen schärfer kalkulieren. Das Ergebnis: Zum Jahresende werden noch 5200 Berliner einen Job bei der Bewag haben, in zwölf Monaten sind es nur noch 4700.

Doch damit nicht genug. Während sich die deutschen Energieunternehmen in den zurückliegenden Monaten damit begnügt haben, ihre Kosten dem nationalen Markt anzupassen, werden die Maßstäbe in Zukunft europaweit gesetzt. Strom aus Berliner Kraftwerken steht bald im Wettbewerb mit Produkten aus Skandinavien oder Spanien. Will die Bewag ihre Kunden nicht verlieren, muss sie entweder neue, werthaltige Produkte anbieten oder die Kosten reduzieren. Gut möglich, dass ihr dies - eingebunden in ein überregionales Unternehmen - am Ende sogar leichter fällt als allein. Und dass dann eine Kilowattstunde zwar nicht mehr Mitarbeiter bei der Bewag ernährt, die Arbeitsplätze aber sicherer macht.

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