Wirtschaft : Die Neue Ökonomie hat viele Väter

Dietrich Zwätz

Hinter dem Wirtschaftsboom in den Staaten stehen Namen wie Robert Rubin, Bill Gates, Alan Greenspan und Ted TurnerDietrich Zwätz

Der wirtschaftliche Aufschwung in den Vereinigten Staaten seit 1991, der jetzt in sein zehntes Jahr geht, hat mehrere Ursachen - und viele Väter. Am Ende der Ära von Präsident George Bush und zu Beginn der Amtszeit Bill Clintons ahnte noch kein Politiker und kein Volkswirtschaftler in den USA, dass dieser Boom einmal der längste in der amerikanischen Geschichte genannt würde. Im Gegenteil: Der junge Präsident Clinton misstraute 1993 den zarten Auftriebskräften so sehr, dass er sie bald nach seinem Amtsantritt mit einem aufwendigen Wirtschaftsförderungsprogramm unterstützen wollte. Zum Glück schlug ihm der Kongress dieses unsinnige Spielzeug im April 1993 aus der Hand.

Die Notenbank, seit August 1987 unter der Leitung von Alan Greenspan, hatte bereits mit einem Zinsentspannungsprogramm begonnen, das die Renditen in den 90er Jahren auf einen historisch niedrigen Stand herunterschleusen sollte. Voraussetzung dafür war freilich, dass die Stabilitätspolitik der Notenbank respektiert und nicht unterlaufen wurde. Das war in einem Land, in dem noch Ende der 80er Jahre Banken und private Spekulanten ein großes Rad am Immobilienmarkt drehten, kein einfaches Vorhaben. Galt doch die aus der permanenten Inflation resultierende Preissteigerung von Häusern - dem "Betongold" - als lukratives Element der privaten Altersvorsorge.

Greenspan musste also, um die Inflationsmentalität zu brechen, eine Doppelstrategie fahren: zum einen die Zinsen lange genug hoch halten, um Respekt vor der Stabilitätspolitik zu erzwingen, und zum anderen, die Zinsen nach Erreichen der erwünschten Stabilitätslinie rasch und ausreichend senken, um den konjunkturellen Auftriebskräften Schub zu geben. Eine zweite Basis für den anhaltenden Wirtschaftsaufschwung war die Eliminierung der Defizite im Staatshaushalt. Zwar hatte der Kongress unter Führung des im Januar 1995 ins Amt gekommenen republikanischen Sprechers des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, die Regierung zur Jahreswende 1995/96 in die Knie und damit zum Sparen zwingen wollen. Aber weniger die Spardirektiven von Gingrich als vielmehr die gute Konjunktur erwies sich als eigentliche Quelle der Etatüberschüsse.

Dann ging es wie im ökonomischen Lehrbuch: Weil der Staat sich nicht mehr so hoch verschulden musste, sondern früher aufgenommene Kredite sogar zurückzahlen konnte, stand trotz der notorisch geringen Sparneigung der Amerikaner mehr Kapital für Investitionen der privaten Wirtschaft zur Verfügung. Der Staat stützte die Konjunktur mit den Haushaltsüberschüssen besser als mit speziellen Förderungsprogrammen à la Clinton. Auch wenn die Grundlage für die Haushaltsüberschüsse schon unter Clintons erstem Finanzminister, dem Texaner Lloyd Bentsen, gelegt wurde: Der Architekt des neuen staatlichen Wohlstands heißt Robert E. Rubin. Anfang 1995 wurde der an der Wall Street ausgebildete und als Partner des Hauses Goldman Sachs zum Millionär aufgestiegene Rubin als Nachfolger Bentsens zum neuen Chef der "Treasury" gleich neben dem Weißen Haus berufen.

Rubin finanzierte den von Gingrichs republikanischer Mehrheit im Repräsentantenhaus Anfang 1996 lahm gelegten Staat auf listigen Umwegen, ohne dass ihm ein Verstoß gegen die Verfassung vorgeworfen werden konnte. 1997/98 war der Staatshaushalt erstmals seit 28 Jahren positiv: Regierung und Kongress begannen darüber zu streiten, wie denn die schönen Überschüsse in Zukunft verwendet werden sollten. Die neueste Perspektive des Haushaltsbüros des Kongresses sieht sogar Überschüsse von fast zwei Billionen Dollar in den nächsten zehn Jahren voraus - für Wahlkämpfer wie für Retter der staatlichen Sozialeinrichtungen eine ständige Versuchung. Eine demokratische Regierung in Washington - mit sozialistischer Gesinnung, aber einem republikanisch orientierten Notenbankchef - setzte die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft in den 90er Jahren. Aber ohne die Nutzung dieser Rahmenbedingungen durch Unternehmensmanager wäre der Aufschwung seit 1991 nicht denkbar gewesen.

Globalisierung, das Schlagwort des vergangenen Jahrzehnts, verstanden viele Amerikaner als Aufruf zum Gigantismus. Als gäbe es keine Anti-Trustvorschriften und streng auf die Einhaltung der Kartellregeln achtende Behörden, schossen die "Mergers" in die zwei- und dreistelligen Milliardenregionen empor. Gerald Levin, dessen Time Warner sich schon vorher mit dem Attribut "größtes Medienunternehmen der Welt" schmücken durfte, schluckte zuerst Ted Turners Kabelimperium samt CNN. Jetzt soll Time Warner selbst von Steve Cases AOL für 165 Milliarden Dollar geschluckt werden, will aber vorher noch den Musikkonzern EMI in die Multi-Ehe einbringen.

Ein Name steht für viele andere erfolgreiche Konzernmanager der 90er Jahre: Bill Gates. Der Gründer von Microsoft und vielfache Milliardär symbolisiert zugleich die Fallstricke, in denen sich Amerikas Manager verheddern können. Zwar machte Gates sein Unternehmen zum führenden Software-Haus der Welt. Aber gleichzeitig strebte er Allmacht auf der elektronischen Bühne und Omnipotenz im Medium des 21. Jahrhunderts an: dem Internet. Die US-Justiz und die Kartellwächter, die gelegentlich blind gegenüber Fusionen im dreistelligen Milliarden-Dollar-Bereich sind, sahen in Gates einen Modellfall, an dem sie ihre obskure Philosophie der Anti-Trustregelungen in der Wirklichkeit anwenden konnten. Microsoft, so die gegenwärtige Richtung der Kartellklage, soll zerschlagen und in drei unabhängige Unternehmen aufgespalten werden.

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