Wirtschaft : Die neuen Leiden der fremden Wörter

FRIEDERIKE BECKER URSULA WEIDENFELD

Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheit ihres Geistes und ihrer Sprache nimmt.(Immanuel Kant)

Was ist Äppelwoi auf französisch? Wengdepomm.Was bezeichnet Pharmaindustrie auf englisch? Laifseienz.Was heißt Air Bag auf schwäbisch? Airsäckle.

Tausende von Arbeitnehmern werden in den kommenden Jahren Fremdsprachen neu lernen, sie werden ihre eigene Sprache neu sprechen und die eigene Kultur neu vermitteln lernen.Sie werden aus zwei oder drei Sprachen eine machen: Kauderwelsch für die draußen, für die drinnen aber eine gemeinsame Unternehmenssprache.Ob DaimlerChrysler in Stuttgart, Hoechst/Rhône-Poulenc oder Deutsche Bank/Bankers Trust in Frankfurt: All diese Unternehmen werden während und nach der Fusion eine neue Identität (corporate identity/CI), eine eigene Sprache (wording) entwickeln, auf der Arbeit (job/office) anders sprechen als zuhause.Aus Deutsch wird Denglisch: Corporate Wording, Neusprech ist auf dem Vormarsch.

Nur Tschörgen kann wissen, wie schwer es wird, nicht nur die Kulturen von Daimler und Chrysler zusammenzuführen, sondern auch eine gemeinsame Sprache für die Mitarbeiter zu finden.Tschörgen - vulgo: Jürgen Schrempp - hat bisher nur den ersten Schritt bewältigt.Burger für die Deutschen, Spätzle für die Amerikaner - der Day One für Daimler/Chrysler war eine internationale Party für Schwaben und Amerikaner.Doch nun wird es ernst.Englisch ist die Unternehmenssprache - sehr zum Unwillen einiger Kleinaktionäre.Die beklagten bei der Fusionshauptversammlung in Stuttgart, daß nun die Zweiklassengesellschaft im Unternehmen drohe.

Die eine Klasse könne Englisch.Die werde Karriere machen und die "benefits" des "mergers" kassieren.Die andere Klasse spricht nur Deutsch und Schwäbisch: Die werde ausgegrenzt, habe keine Chance auf Teilhabe am globalen Unternehmen.

45 Prozent der Deutschen und achtzig Prozent der Ausländer, die in Deutschland arbeiten, können kein Englisch.In einem fusionierten Unternehmen zu arbeiten - oder im "showroom" ein Auto zu kaufen-, könnte für sie bald zur Qual werden.Denn die Anglizismen werden vor allem von den Weltangestellten angewendet, denen, die zeigen wollen, daß sie in der neuen Welt angekommen sind, sagt der Erlanger Kommunikationsforscher Horst Haider Munske.

"Die gemeinsame Sprache wird zum gemeinsamen Fundament in einem fusionierten internationalen Unternehmen", analysiert Munske.Klar, daß sich bei Daimler-Chrysler jetzt Trainer um die Sprache kümmern.Sprachkurse und interkulturelle Trainings sollen sicherstellen, daß die Mitarbeiter beider Sprachen in Zukunft auch dasselbe meinen, wenn sie einen Begriff benutzen.Als beispielsweise zu Beginn der 90er Jahre Asea und Brown Boveri zu ABB zusammengingen, drohte heillose Sprachverwirrung.Um die Mitarbeiter in 140 Ländergesellschaften zu koordinieren, wurde eine gemeinsame und verbindliche Terminologie entwickelt.Beim deutschen Softwareriesen SAP wird eine elektronische Vokabelliste geführt, die jedem Mitarbeiter Auskunft darüber gibt, in welchem Land welcher Begriff dem Kunden gegenüber in Deutsch, Englisch oder einer anderen Sprache verwendet wird.Englisch sei nun mal das Latein der Neuzeit, sagt Munske, und deshalb sei es für die meisten Unternehmen das Einfachste, sich auf das Angelsächsische als gemeinsamen Standard zu verpflichten.

Wenn es denn so wäre.Die Gesellschaft zur Bewahrung der deutschen Sprache in Dortmund beklagt, daß nicht fremde Sprachen erlernt und gesprochen werden, sondern das, was im Gemisch mit Türkisch, Italienisch oder Portugiesisch als "Gastarbeiter-Pidgin" bezeichnet wird.Der Durchschnittsmensch kommt mit rund 50 Worten aus.Die lassen sich auch auf Englisch schnell speichern.Doch im Gegensatz zu Türkisch ist Englisch schick.Anglizismen am Arbeitsplatz dokumentieren neben Offenheit, Jugend und Aufgeschlossenheit (soft skills), daß ein Beschäftigter e-mail benutzen kann, Konferenzunterlagen (handouts) erstellen und verhandlungssicher Englisch spricht.

Nur, daß es eben nicht nur die Sprache ist, die sich in den neuen Unternehmen ändert.Komplizierte Probleme des diplomatischen Protokolls tun sich auf: Wie geht ein Deutscher mit einem in der Hierarchie nachgeordneten Amerikaner um, der ihn hartnäckig beim Vornamen nennt? Er duzt zurück.Und schnell, schneller als gedacht, hat das deutsche Du das englische You ersetzt.Irgendwann zieht das Du ins Schriftliche ein, und dann wundert sich der erste inländische Mitarbeiter, warum er nicht auch geduzt wird.

Früher habe man den "Clash of Cultures" mehr oder weniger elegant gelöst, erzählt Hans-Peter Förster, Chef der Unternehmensberatung Corporate Wording in Herrischried im Schwarzwald.Weil man in fremde Länder reiste.So habe ein Chef, der mit seiner Sekretärin eine einwöchige Dienstreise nach Schweden unternommen habe, im Flugzeug (auf der Höhe Hamburg) das Sektglas gehoben und der Bürohelferin feierlich-deutsch das Du angetragen.Weil man sich in Schweden im allgemeinen duzt.Auf dem Rückweg (Höhe Hamburg) habe er erleichtert erklärt, der Zweck der Reise sei erreicht, das Sie wieder angebracht.

Fusionierte Unternehmen hängen immer in der Luft (Höhe Hamburg).Die weltweite Verknüpfung der Märkte ist, so meint Bayer-Chef Manfred Schneider, kein Vorgang, der nur ferne Länder und neue Märkte betreffe."Sie findet hier bei uns selbst statt." Jetzt müssen sich die Unternehmen entscheiden.Für oder gegen den lockeren Umgang, für oder gegen das Du - für oder gegen den Casual Friday.Bei dieser Kuriosität in amerikanischen Firmen wird die ewiggleiche, ewiggraue Business-Uniform gegen helle oder karierte Hosen und legeren Freizeitlook ausgetauscht.Jeden Freitag.Dann geht man locker miteinander um, nach ewiggleichem Protokoll.Jogginghosen sind verboten und Schlappen sowieso.Casual Friday ist ein bißchen Königs-Wusterhausen am Sonntag, aber teurer.

Was also macht man nun mit dem Casual Friday in Stuttgart-Möhringen oder am Potsamer Platz in Berlin? Man führt ihn ein - über kurz oder lang jedenfalls.Noch sind es bei debis vor allem die jüngeren Mitarbeiter, die den lockeren Umgang am letzten Arbeitstag der Woche ablehnen.Aber seit der Fusion habe man wieder konstruktive meetings darüber abgehalten, sagt Kommunikationschef Rainer Knubben.

Im Unternehmen casual zu sein, ist noch leicht.Was aber, wenn man auch seine Kunden mit dem Neusprech eines Weltunternehmens verblüfft? "Da muß man sich genau überlegen, auf welche Kunden man in Zukunft verzichten will", mahnt Unternehmensberater Förster.Zum Beispiel die Telekom.Die hat auf dem Weg zum Weltkonzern aus einem Inlandsgespräch den German Call und aus einem Ortsgespräch den Local Call gemacht.Die Quittung für Ron Sommer: sinkende Marktanteile und ein Titel.Die Gesellschaft zur Bewahrung der deutschen Sprache ernannte ihn gerade zum "Sprachpanscher des Jahres 1998".

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