• Die Nobelpreisankündigung löst beim Verlag Steidl einen Boom aus - 30 000 Bücher in zwei Stunden verkauft

Wirtschaft : Die Nobelpreisankündigung löst beim Verlag Steidl einen Boom aus - 30 000 Bücher in zwei Stunden verkauft

Catrin Bialek

Die Neuigkeit hätte Claudia Glenewinkel fast umgehauen: Er bekomme den Nobelpreis, habe Günter Grass am vergangenen Donnerstag, eine halbe Stunde vor der offiziellen Bekanntgabe des Literaturnobelpreises in Stockholm, zu ihr am Telefon gesagt. Sie habe "keinen vernünftigen Satz herausbekommen", erzählt die Pressesprecherin des Steidl-Verlages, der die Bücher von Grass seit 1986 verlegt.

Danach standen bei Steidl die Telefone nicht mehr still: In den ersten beiden Stunden nach Bekanntgabe des Nobelpreises verkaufte der Göttinger Verlag 30 000 Bücher von Grass an die Buchläden und Großhändler. In den darauf folgenden 24 Stunden stieg die Zahl der Bestellungen allein des jüngsten Grass-Buches "Mein Jahrhundert" auf 80 000. Zum Vergleich: Von Juli bis vergangenen Donnerstagmittag wurden von diesem Titel insgesamt 140 000 Stück verkauft. "Großbesteller, die 10 000 Bände wollten, mussten wir vertrösten, damit die Mitbewerber auch noch etwas abbekommen", berichtet der Verleger Gerhard Steidl. Noch in der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurden alle Maschinen in der verlagseigenen Druckerei auf Grass-Titel umgerüstet. "Wir arbeiten in drei Schichten, und wenn es nicht reicht, müssen wir Druckaufträge vergeben", sagt Steidl. Vorsorglich habe er in Schweden 300 Tonnen Papier bestellt. Einen Engpass sieht er allerdings bei den Buchbindereien: "Die sind vor der Buchmesse sowieso schon ausgelastet."

Die Buchfans haben schnell reagiert: Bereits einen Tag nach der Bekanntgabe stand "Mein Jahrhundert" beim Internetbuchhandel Amazon auf Platz drei. Am Montag der Klassiker "Die Blechtrommel".

Der Grass-Effekt ist enorm: Bis Montag seien Bestellungen im Nettowert von mehr als 4 Millionen Mark eingegangen, sagt Verleger Steidl. Er rechne deshalb mit einem Umsatz von 25 bis 30 Millionen Mark in diesem Jahr. Normalerweise liege der Umsatz bei rund 10 Millionen Mark.

Der kostenlose Werbeschub, der durch einen Literaturnobelpreis erzielt wird, führt allerdings nicht immer schnurgerade zum wirtschaftlichem Erfolg. Oft ernten die Verlage, die den gekürten Autoren verlegen, mit dieser Auszeichnung lediglich eine Menge Ruhm - aber keinen zusätzlichen Erlös. Wie gut sich die Bücher eines Nobelpreisträgers verkaufen, sei davon abhängig, was für Texte er schreibe, erklärt Dieter Schöneborn, Vertriebsleiter des Verlages Rotbuch, der das Hauptwerk von Dario Fo - Literaturnobelpreisträger von 1997 - verlegt. So verkauften sich Gedichte und Theaterstücke dreimal schlechter als Romane. Außerdem sei es wichtig, welchen Bekanntheitsgrad der Schriftsteller vorher hatte. Von einem südbengalischen Lyriker etwa, dessen Namen man kaum buchstabieren könne, seien die Werke nur schwer an den Mann zu bringen.

Auch bei der Auszeichnung des italienischen Schauspielers und Politclowns Dario Fo liefen seinerzeit die Druckmaschinen heiß. "Wir haben innerhalb von zwei Monaten das verkauft, was wir sonst in zwei Jahren absetzen", berichtet Schöneborn. Normalerweise gingen pro Jahr 500 bis 1000 Bücher von Fo über die Ladentheke. Allerdings erlangte Rotbuch mit Fo keine Grassschen Ausmaße. Mehr Glück hatte da der Rowohlt Verlag, der in den vergangenen fünf Jahren zwei Nobelpreisträger im Programm hatte: Toni Morrison im Jahr 1993 und José Saramago im vergangenen Jahr. Die amerikanische Romanautorin habe dem Verlag auf Grund ihrer Auszeichnung einen zusätzlichen Umsatzerlös von knapp 3,5 Millionen Mark beschert, der portugiesische Romancier Saramago immerhin einen Zusatzerlös von 2 Millionen Mark, schätzt Lutz Kettmann, Vertriebsleiter der Rowohlt Verlage.

Auffallend sei, bemerkt Kettmann, dass auch die Buchbranche immer schnelllebiger, immer flüchtiger werde: Habe der Verkaufsanstoß durch den Literaturnobelpreis 1993 noch bis weit ins Weihnachtsgeschäft angehalten, so sei er 1998 bereits Mitte November verebbt.

Im Fall Günter Grass wird der Werbefaktor Literaturnobelpreis vermutlich länger anhalten: "Mein Jahrhundert" würde mindestens bis Weihnachten stark nachgefragt werden, schätzt Steidl. Bei den anderen Grass-Büchern rechnet er damit, dass der Boom zumindest bis zur Verleihung der Nobelpreise am 10. Dezember - dem Todestag des Stifters Alfred Nobel - anhält.

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