Wirtschaft : „Die öffentliche Meinung schwenkt um zugunsten der Arbeitnehmer“

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Herr Steinkühler, was halten Sie von Investivlohn oder Mitarbeiterbeteiligung?

Es gibt keinen Arbeitnehmer, der Geld, das es zusätzlich zum Lohn gibt, ablehnen würde. Allerdings habe ich das Thema schon vor 25 Jahren diskutiert – und es ist immer gescheitert.

Warum?

Solche Instrumente können nicht zu Lasten des aktuellen Lohns gehen, mit dem der Arbeitnehmer verbindlich plant und kalkuliert. Der Arbeitnehmer trägt schon das Arbeitsplatzrisiko und kann nicht auch noch mit einem Einkommensrisiko belastet werden.

Also wird auch die aktuelle Diskussion wieder zu nichts führen?

Es ist jedenfalls eine interessante Diskussion. Irgendetwas in dieser Richtung muss passieren, weil wir Verteilungsgerechtigkeit allein mit dem Lohn nicht erreichen können.

Und was schwebt Ihnen vor?

Ein Fonds, in den alle Unternehmen einen Anteil ihres Gewinns nach Steuern einzahlen und der dann an alle Arbeitnehmer ausschüttet. Diese Fondslösung hat den Vorteil, dass auch die Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst bedacht werden. Allerdings waren die Arbeitgeber bislang immer gegen einen Fonds.

Mancher Politiker rät derzeit auch zu ordentlichen Lohnerhöhungen. Dreht sich die Stimmung im Lande zugunsten der Arbeitnehmer?

Ja, es gibt einen Wandel im Mainstream dieser Gesellschaft. Die öffentliche Meinung schwenkt um zugunsten der Arbeitnehmer, die wieder einen höheren Anteil am Wachstum, an den Gewinnen, am Wohlstand haben sollen. Im Ausland fordert man das schon lange, denn Deutschland ist ja für viele Länder seit Jahren ein Ärgernis, weil wir zwar enorm exportieren, aber im Land selbst zu schwache Kaufkraft haben.

Waren die Gewerkschaften zu schlapp in den letzten Jahren?

Sie haben gemacht, was möglich war. Aber natürlich haben sich die Zeiten geändert: Heute wird lange um Zehntelprozentpunkte gestritten, darüber hätten wir früher gelacht, da ging es um volle Prozente.

War die Öffnung des Flächentarifs für betriebliche Abweichungen ein Fehler?

Eher ein notwendiges Übel. Man ist dem Ruf nach Flexibilisierung gefolgt und hat jetzt immerhin Ruhe auf Seiten der Arbeitgeberverbände.

Sie plädieren auch für qualitative Tarifforderungen, was schwebt Ihnen da vor?

Wir müssen versuchen, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die tatsächlich auch ein langes Berufsleben ermöglichen. Deshalb sollten Arbeitnehmer ab 50 alle zwei Jahre untersucht werden, ob Gesundheit und Arbeitsumstände noch zusammenpassen. Wenn man so etwas im Tarifvertrag festschreibt, stärkt das auch die Rolle der Gewerkschaften in den Betrieben.

Franz Steinkühler (69) war von 1986 bis 1993 erster Vorsitzender der IG Metall und arbeitete danach als Berater. Mit ihm sprach Alfons Frese.

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