Wirtschaft : Die ökonomischen Folgen des Terrors: Nach dem Anschlag steht Japans Wirtschaft unter Schock

Ulrike Haak

Die Druckwellen, die die Terroranschläge in den USA ausgelöst haben, sind mit aller Wucht bis nach Japan vorgedrungen. Seit dem vergangenen Dienstag kennen japanische Medien kaum ein anderes Thema als die schrecklichen Ereignisse und ihre Folgen. Selbst die Sorge um die eigene wirtschaftliche Lage trat zeitweilig in den Hintergrund. Aber nicht nur politisch sind die USA und Japan seit Ende des Zweiten Weltkriegs Verbündete, auch wirtschaftlich arbeiten sie in enger Partnerschaft zusammen. Japans ohnehin geschwächte Volkswirtschaft wird einen weiteren Schlag erleiden, das Erholungsszenario der japanischen Wirtschaft bedarf einer Überprüfung, da der erwartete Aufschwung der US-Wirtschaft ausbleiben könnte.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Und dies vor dem Hintergrund, dass Japan das am höchsten verschuldete Industrieland der Welt ist: Etwa ein Drittel seines Jahreshaushalts muss die zweitgrößte Industrienation der Erde im Kampf gegen die Schuldenlast aufbringen. Die Rezession macht diese Belastung noch dramatischer, und die Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik werden immer kleiner. Panikverkäufe an den Börsen in ganz Asien direkt nach den Anschlägen zeigten allerdings, dass nicht nur Japan, sondern der ganze asiatische Raum von der Entwicklung in den USA abhängig ist. Die Angst vor einer Rezession in ganz Asien stürzte die Börsen Hongkongs, Südkoreas, Singapurs in die Tiefe, und auch die Finanzmärkte in Thailand, Malaysia und Taiwan erlitten schwere Einbrüche.

Ernst ist die Situation jedoch vor allem für Japan, das selbst in seiner volkswirtschaftlich kritischen Lage noch eine Schlüsselrolle im südostasiatischen Raum spielt. Seit längerem leiden vor allem exportorientierte Unternehmen an den Folgen der Konjunkturschwäche in den USA. Mehr als 30 Prozent des japanischen Exports gingen 1999 nach Angaben der Bank von Japan in die Vereinigten Staaten. Zum Vergleich: Gerade mal 3,4 Prozent der Gesamtausfuhr ging nach Großbritannien und nur 1,6 Prozent nach Frankreich. Die Terroranschläge bringen die einseitige Ausrichtung des japanischen Exports schmerzhaft ins Bewusstsein.

Besonders anfällig ist neben der Halbleiter- und Telekommunikationsbranche die Autoindustrie. Schon vor der Wirtschaftskrise haben mehr und mehr japanische Automobilproduzenten Produktionsstätten ins Ausland, vor allem in die USA, verlagert. Mehr als 2,5 Million Fahrzeuge, davon allein mehr als 1,8 Millionen Pkw, werden von japanischen Produktionsstätten auf amerikanischem Boden produziert. So erwirtschaften Honda und Toyota bereits mehr als 40 Prozent ihrer Gewinne in den Vereinigten Staaten. Folgerichtig stürzten die Preise für Aktien dieser Unternehmen nach den Anschlägen ab.

Aber auch für das Bankensystem hat der Terror existenzbedrohende Konsequenzen. Japans Banken leiden unter der Last fauler Kredite, der sie sich nach dem Willen der Regierung in den kommenden Jahren entledigen sollen. Wie in dieser Woche bekannt wurde, soll bei der Reform der notleidenden Kreditinstitute in Zukunft der Internationale Währungsfonds eine Schlüsselrolle spielen: Internationale Inspektoren werden ein Auge auf die Kreditwürdigkeit der japanischen Banken haben.

Die Bank von Japan (BOJ) richtete kurz nach den Terroranschlägen einen Krisenstab ein und ließ zwei Billionen Yen in den Markt fließen, um das Bankensystem vor einem drohenden Absturz zu bewahren. "Die Bank von Japan wird alles tun, um den Finanzsektor stabil zu halten", hieß es in einem Statement der BOJ. Dazu gehöre auch weiterhin die Freisetzung umfangreicher Liquidität.

Zum ersten Mal seit 1998, als eine nordkoreanische Rakete mit Ziel auf Japan in nationalen Gewässern einschlug, wurde am Morgen nach dem schrecklichen Attentat ein hochrangiger Sicherheitsrat einberufen, der vor allem politische Unterstützung für den Verbündeten, aber auch wirtschaftliche Vorsichtsmaßnahmen auf die Dringlichkeitsliste setzte. Die Wirtschaftssysteme der Welt und Japans sollten mit allen Mitteln stabil gehalten werden, sagte Premierminister Koizumi. Die Angst vor den Folgen des Terrors in den USA gibt dem Regierungschef ein Druckmittel für seine Reformpläne an die Hand: Strukturelle Reformen müssten nun vor dem Hintergrund des drohenden wirtschaftlichen Chaos umso entschlossener vorangetrieben werden. Ein Ende dieser Woche vorgestellter Prioritätsplan der Regierung konzentriert sich vor allem auf Programme gegen Arbeitslosigkeit.

Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet das rohstoffarme Japan die Preisentwicklung für Rohstoffe, nicht zuletzt das für die Produktion in vielen Schlüsselbranchen entscheidende Rohöl. Steigende Preise könnten japanische Unternehmen nachhaltig verunsichern, ihre Gewinnerwartungen würden abermals nach unten korrigiert.

An diesem Wochenende wartet Tokio mit Spannung auf Montag, den Tag, an dem die Amerikaner an der Wall Street ihren Aktienhandel wieder aufnehmen. Das weitere Schicksal des japanischen Aktienmarkts wird davon abhängen, wie tief der Fall der New Yorker Börse sein wird. Für Japan mittelfristig entscheidend wird jedoch die politische Weichenstellung in den USA sein. Ein amerikanischer Vergeltungsschlag dürfte die ökonomischen Variablen der Finanzzentren dieser Welt erneut verändern.

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