Wirtschaft : Die ökonomischen Folgen des Terrors: Wertlose Prognosen

Carsten Brönstrup

Es dauerte nicht einmal zwei Stunden, dann war die Hoffnung dahin. Mit den Türmen des World Trade Centers versanken auch die Aussichten auf einen baldigen Aufschwung der Weltwirtschaft in Schutt, Asche und Angst. Erst wenige Tage zuvor hatten sich immer mehr Ökonomen mit der Prognose zu Wort gemeldet, in Europa und den USA könnte es mit dem Wachstum Anfang kommenden Jahres wieder bergauf gehen, eine dauerhafte Depression sei nicht zu befürchten. Daraus wird nun vermutlich nichts: Alle Vorhersagen der Fachleute über die Entwicklung in diesem, womöglich auch im kommenden Jahr, sind jetzt Makulatur.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Zwar erscheinen wirtschaftliche Interessen, Handel, Finanztransfers, Produktion oder Gewinnstreben profan angesichts des unermesslichen Leids in New York und Washington. Trotzdem ist es nicht unmenschlich, den Blick auf die ökonomischen Folgen der Katastrophe zu richten. Würde die Welt nach den Flugzeugangriffen in der Rezession versinken, wäre dies ein weiterer Triumph für die Attentäter. Dass es so kommen kann, ist nicht unwahrscheinlich, da ein Vergeltungsschlag der USA und eine Eskalation der Gewalt bevorzustehen scheinen.

Der Ölpreis bewegt sich wieder in Richtung der für die Konjunktur gefährlichen 30-Dollar-Marke, die Börsen sind ohne Halt und stehen nach Öffnung der Wall Street am Montag vermutlich vor weiteren Turbulenzen. Die Luftfahrt- und Tourismus-Branche, Logistikfirmen, Exporteure und Versicherungen mussten starke Einbußen hinnehmen und stehen vor schweren Zeiten. Zudem starben bei der Katastrophe zahlreiche hoch qualifizierte Fachleute, was Ökonomen herzlos den Verlust von Humankapital nennen. All das verunsichert die Verbraucher.

Zwei Drittel des US-Wachstums werden vom Konsum getragen. Schon vor den Anschlägen war das Vertrauen der Verbraucher getrübt - trotz Steuersenkungen - und die Arbeitslosigkeit stieg. Nun könnten die Amerikaner ihr Geld lieber auf dem Konto halten und Kaufhäuser aus Angst vor Anschlägen meiden. Denn viele fürchten, dass Terrorakte den Konflikt in den technisierten, verwundbaren Westen tragen könnten - das schmälert die Kauflust. Bereits während des Golfkriegs gab es eine spürbare Konsumzurückhaltung, das könnte sich nun wiederholen. Es ist zu früh, die exakten Folgen der Krise zu benennen und Panik zu schüren. Wahrscheinlich ist aber, dass die Vereinigten Staaten als Wachstumsmotor der Weltwirtschaft auf unbestimmte Zeit ausfallen.

Wer kann einspringen? Japan? Das Land steckt mitten in einer Flaute, die Probleme des Finanzsystems sind ungelöst, und Premierminister Koizumi hat bislang keine Anstalten gemacht, die immense Staatsverschuldung abbauen zu wollen. Bleibt nur Europa. Der alte Kontinent zeichnete sich bislang nicht durch eine starke Dynamik aus, das starke Wachstum im Jahr 2000 ebbte schnell wieder ab. Unter den Terrorakten dürfte der Export leiden - kann die Binnenwirtschaft ihren Part übernehmen? Zweifel sind angebracht. Die zurückgehende Inflation erhöht zwar die Kaufkraft. Aber ein steigender Ölpreis und die Ungewissheit über die Zukunft dürfte auch Franzosen, Briten und Deutsche beim Griff ins Portemonnaie zögern lassen.

Hinzu kommt: Die Wirtschaft ist ebenso globalisiert wie der Terror. Die engere Verflechtung von Handels- und Finanzströmen verknüpft das Schicksal der Staaten enger als je zuvor. Die Folgen der Anschläge von New York und Washington werden für Europa weit gravierender ausfallen, als es noch vor zehn oder 20 Jahren der Fall gewesen wäre. In dieser schwierigen Lage müssen Notenbanken und Regierungen für Zuversicht sorgen. Es wird nicht reichen, Milliarden in das Finanzsystem zu pumpen - die Federal Reserve und die EZB müssen rasch die Leitzinsen senken - und die Europäer endlich für mehr Dynamik sorgen.

Dabei geht es nicht allein um die altbekannten Rezepte - mehr Freiraum für Unternehmen sowie eine wirksamere Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Deutschland muss auch alles tun, um das Thema Zuwanderung aus der nun aufkeimenden Sicherheitsdebatte herauszuhalten. Die ruhige Hand des Kanzlers ist endgültig passé.

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