Wirtschaft : „Die Ölstaaten finanzieren das US-Defizit“

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Herr Rühl, wer verdient eigentlich am meisten an den hohen Ölpreisen?

Das sind vor allem die Förderländer mit ihren nationalen Ölfirmen, die internationalen Ölgesellschaften und alle Staaten, die Öl und seine Produkte besteuern.

Und wohin fließt das Geld?

Die zusätzlichen Einnahmen der Ölexportländer fließen in eigene Investitionen – aber auch in die USA. Bisher wurde das US-Handelsdefizit, das 2006 milde geschätzt 750 Milliarden US-Dollar betragen wird, vor allem durch die Überschüsse aus Warenexportländern wie Japan, China oder Deutschland ausgeglichen. Mittlerweile haben die Ölexportländer fast unbemerkt den größten Anteil – an erster Stelle der Nahe Osten, aber auch Russland und Norwegen. Das hat eine wichtige internationale Dimension, weil sich die Experten seit zwei, drei Jahren fragen, wie das immer weiter steigende US-Defizit finanziert werden kann.

Bei den Profiteuren haben Sie die viel kritisierten Spekulanten ausgelassen ...

Das Wirken der so genannten Spekulanten oder Finanzinvestoren ist wichtig, damit die Märkte besser funktionieren. Sie erhöhen die Liquidität. Und bei liquiden Märkten gibt es geringere Ausschläge, als wenn wenige Monopolisten wie noch in den 70er Jahren die Preise setzen.

Trotzdem geht es derzeit stark nach oben. Warum?

Es hat alle im vergangenen Jahr vollkommen überrascht, dass die Weltwirtschaft so stark gewachsen ist wie seit Anfang der 80er Jahre nicht mehr. Auch mit dem starken Anstieg der Ölnachfrage Chinas hatte niemand gerechnet. Das hat dazu geführt, dass die weltweit freien Ölförderkapazitäten von drei auf eine Million Barrel pro Tag geschrumpft sind. Das macht die Händler nervös, denn es ist weniger, als der Irak fördert oder durch einen Hurrikan auf einen Schlag unterbrochen werden kann.

Dann lohnen sich wieder Investitionen. Steckt die Branche ihre Gewinne wieder ins Geschäft?

Die Investitionen der Branche liegen zurzeit bei 160 Milliarden Dollar pro Jahr. In den nächsten Jahren dürfte der Betrag auf 200 Milliarden Dollar steigen.

Der Ölpreis ist wesentlich stärker gestiegen. Weshalb halten Sie sich so zurück?

Das tun wir gar nicht. Aber zum einen muss man aufpassen, nicht zyklisch zu arbeiten. Sonst besteht die Gefahr, dass große Überkapazitäten entstehen, was Zukunftsinvestitionen abblocken würde. Zum anderen sind die Preise bei Zulieferern wie Herstellern von Ölplattformen und bei Serviceunternehmen um 30 bis 40 Prozent gestiegen. Die sind alle voll ausgelastet. Höhere Investitionen würden die Preise noch stärker treiben, nicht aber neue Kapazitäten schaffen.

Wie lang müssen wir dann noch mit den hohen Ölpreisen leben?

Die nächsten drei Jahre werden wir wahrscheinlich Preise von unter 40 Dollar nicht sehen. Aber viele Projekte werden vorangetrieben – sowohl in der Förderung als auch bei Raffinerien, wie etwa die neue Pipeline vom kaspischen Meer ans Mittelmeer, die Ende 2005 fertig wird.

Das Gespräch führte Bernd Hops.

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