Die Pause als Chance : Abschalten und Dahinsinnen

Die Weltwirtschaft von heute kennt so gut wie keine Pausen mehr. Dabei bedeutet das Innehalten so viel mehr als Müßiggang. Ein Plädoyer für etwas mehr Beschaulichkeit

Peter von Becker
Augenblick, verweile doch. Diese beiden Arbeitnehmer haben es sich auf einem Treppenaufgang gemütlich gemacht.
Augenblick, verweile doch. Diese beiden Arbeitnehmer haben es sich auf einem Treppenaufgang gemütlich gemacht.Foto: dpa

Wenn er „zum Augenblicke“ jemals sagen werde, „verweile doch, du bist so schön!“, dann möge er selber just zugrunde gehen. Das ist der Inhalt der berühmten Teufelswette, die Goethes Doktor Faustus mit dem Teufel schließt. Faust, der Forscher, Erfinder und ewige Streber ist der personifizierte Unruhegeist – im zweiten Teil von Goethes Menschheitsdrama wird er gar zum Künder auch des modernen Kapitalismus. Statt Mittelalter und Münzwirtschaft sieht Faust schon das Papiergeld und das aufziehende Industriezeitalter. Irgendwann will er da tatsächlich innehalten, den Augenblick im eigenen Altersglück zum Verweilen bringen. Bumms, langt  Mephisto nach Faustens Seele, doch ein gnädiger Gott greift noch ein und lässt die große Wette platzen wie einen faulen Wechsel. Gerettet!

"Mach mal Pause, trink Coca Cola, warb der Getränkekonzern in den Fünfzigerjahren

Es ist dieser alte, wunderbare Menschentraum: die rasende Zeit, die nur Vergangenheit und Zukunft kennt, aber im Grunde keine Gegenwart, für eine ideale Weile zum Stillstand bringen. Dem glücklichen Momentum etwas Dauer geben. Profaner heißt diese kurze Aus-Zeit ganz einfach: Pause. „Mach mal Pause, trink Coca Cola“, warb der US-Getränkekonzern ab Mitte der Fünfzigerjahre bei den Bundesbürgern für sich und eine sprudelnde Rast nach Wiederaufbau, frühem Wirtschaftswunder und gewonnener Fußball-WM. Natürlich war die Cola auch: ein Pausenfüller.

Die Weltwirtschaft kennt kaum Pausen

Heute kennt die Welt und auch die Weltwirtschaft eigentlich keine Pause mehr. Zwar ruhen jetzt zwischen den Jahren auch mal die Börsen, doch im Prinzip (und in der Praxis) gibt es jenseits der absolut naturnotwendigen Schlafzeiten relativ wenig Pausen. Die globale digitale Echtzeit kennt keine Aus-Zeit. Oder doch, im Urlaub? Aber auch dann sind Millionen Menschen fast ständig online, checken ihre Smartphones und Tablets. Wer nicht zu den glücklichen Pensionären oder Rentiers gehört, schaltet selten ab und bleibt fast jederzeit verfügbar.

 

In der Antike propagierten Philosophen die Beschaulichkeit

Die antike Philosophie erkannte bereits die Chancen der vita contemplativa, der dahinsinnenden Beschaulichkeit. Und der große Rede-Meister Cicero nannte nur den Bürger wirklich frei, der auch einmal nichts zu tun dürfe. Lange vor der digitalen Moderne befand Friedrich Nietzsche hierzu sinngemäß: Nur Dienstboten sind allzeit erreichbar. Keiner möchte zwar heute nur der Lakai des anderen sein, alle pochen nach Möglichkeit auf ihre vermeintlich individuellen Lebensentwürfe. Doch dem Konformitätsdruck des allgemeinen Konsums, des Gebrauchs und Verbrauchs von Zeit und Geld entkommt man nur schwer, Selbst die digitale Bohème ist nur ein fauler Zauber. Weil Fleiß und Beflissenheit im Fluss der On(line)zeit nie gänzlich enden.

Nur der Tod ist pausenlos

Lebenszeit aber ist wie die Jahreszeiten nur durch Zäsuren, Intermezzi und Intervalle wirklich erfahrbar. Pausenlos ist nur der Tod. Jeder braucht wie ein Sänger oder Leistungssportler mal eine Atempause, vielen tut oder täte eine Denkpause gut. Und kein Geld der Welt kannst du dir am Ende in die nackte Tasche stecken. Time is Money? Dem tritt der Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler in seinem demnächst erscheinenden, zusammen mit seinem Sohn Jonas geschriebenen Buch schon im spielerisch ironischen Titel entgegen: „Time is Honey“.

 

Zeit ist nicht Geld - deswegen sollte man sie auch nicht sparen

Geißler hat zuvor schon ein „Lob der Pause“ geschrieben. Darin erfährt man, dass die britische Rüstungswirtschaft 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, vorübergehend den freien Sonntag als Arbeitspause abgeschafft hatte. Der Erfolg war jedoch keine Steigerung, sondern ein Absinken der Produktion durch zunehmende Störungen im Betriebsablauf, durch Krankheiten, Arbeitsunfälle, verminderte Motivation. Fazit: Die Arbeitsleistung hängt auch davon ab, dass zwischendurch nicht gearbeitet wird. Das  Burnout-Syndrom hieß damals noch nicht so, und das ziemlich schreckliche Wort „Zeitmanagement“ war auch noch nicht erfunden. Doch über alle Zeiten hinweg gelten ein paar Grundeinsichten: Zeit ist nicht Geld, deswegen kann und sollte man sie auch nicht dauernd versuchen, zu sparen – hierüber hat Michael Ende seinen schönen „Momo“-Roman geschrieben. Und hätten wir auch weniger Angst, Zeit zu verlieren, hätten wir mehr Zeit. Ein anderer guter Satz stammt von Stefan Klein, der das Buch „Zeit. Der Stoff aus dem das Leben ist“ geschieben hat: „Wir sind nicht gestresst, weil wir keine Zeit haben, sondern wir haben keine Zeit, weil wir gestresst sind.“

 

Das Glück der Pause hängt davon ab, was davor und danach kommt

Also braucht es die Pause. Das tagträumende, nach- oder nichts denkende Innehalten. Weil die Pause aber nicht die absolute Freizeit ist, sondern nur eine Zwischenzeit, hängt das Glück der Pause auch davon ab, was davor geschah und von dem, was nach dem Ende der Pause zu erwarten, zu befürchten oder zu erhoffen ist. Hierfür gibt es allerdings kein Patentrezept. Wem sein Job vor und nach einer Arbeitspause Freude macht, für den bedeutet die Pause eine doppelt Freude. Wem das Ende der Pause als Drohung erscheint, der schafft es, selbst wenn er sich und andere amüsieren will, womöglich nur zum traurigen Pausenclown.

 

Kann es Glück oder Wohlstand ohne Hetze geben?

Theodor W. Adorno meinte (sehr pauschalphilosophisch), dass es kein richtiges Leben im falschen gebe. Auch wenn dies nicht für jeden und jederzeit gilt, hängt die geglückte Pause tatsächlich auch von dem ab, was sie als Intervall unterbricht. Also vom größeren Ganzen. Folglich sollte die Klugheit des Innehaltens, der Muße und Mäßigung auf den Gesamtkreislauf des Lebens und Wirtschaftens ausstrahlen. Hier beginnen nun die Fragen, ob es nicht Glück und sogar Wohlstand auch mit weniger hetzendem Fortschritt und vergötztem Wachstum gibt. Der Begriff „nachhaltig“ ist nicht besonders schön. Doch er berührt die wichtigste Zukunftsfrage des Lebens auf unserer endlichen Erde. Und in ihm steckt eben auch das Wort: halt.

 

 

 

 

 

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