Wirtschaft : Die Pharma-Hochzeit sorgt für Unruhe

IRMGARD LOCHER

Der Boehringer-Kauf verschafft Roche eine neue MachtpositionVON IRMGARD LOCHER

BASEL.Die Überraschung, für die Hoffmann-La Roche in Basel in dieser Woche mit dem Kauf von Boehringer Mannheim sorgte, schlägt in der Schweiz noch hohe Wellen.Zwar war bekannt, daß der Schweizer Pharmakonzern auf Partnersuche war, aber mehr auch nicht."Eine gesunde wird von einer sehr gesunden Firma übernommen", freut sich die "Basler Zeitung" und kommt damit auf das kostspielige Gebiet von Forschung und Entwicklungen zu sprechen, die für einen mittelgroßen Konzern heute kaum mehr finanzierbar seien.Ein neues Medikament, rechnet das Blatt aus, koste heute um die 500 Mill.Dollar.Um so begrüßenswerter also die Konzentration in der stark zersplitterten Pharma- und Diagnostik-Branche.Bleibt zu hoffen, daß nicht nur die Firmen, sondern auch das Gesundheitswegen davon profitiert, "wenn wirksamere Produkte entwickelt werden, die Leben retten, Lebensqualität erhöhen sowie Arzt- und Spitalkosten reduzieren helfen." Von dieser Warte aus gewinnt das ohnehin stets chemiefreundliche Basel dem neuesten Schachzug der Pharma-Industrie positive Aspekte ab. In Zürich ist die Zustimmung zum Basler "Milliarden-Deal" eine Spur gedämpfter.Der Zürcher "Tages-Anzeiger" findet es kühn, daß die Basler Pharma-Firma auf Gesamtlösungen setzt und Krankenhäusern, Ärzten und Patienten nicht nur einzelne Medikamente, sondern ganze Diagnose-Therapie-Pakete anbieten will.Das ist fraglos Neuland, weil die Vorbilder fehlen und "bisher weltweit noch keine Pharma-Firma diesen Weg konsequent gegangen ist." Die "Neue Zürcher Zeitung" lobt den "rationalen Kauf", dessen Logik mit der Hand zu greifen sei.Und sie freut sich darüber, daß Boehringer Mannheim die Diagnostik von Roche "gewissermaßen mit einem Federstrich an die Spitze der Branchenliga katapultiert" hat. Sorge herrscht indes überall um einen möglichen Stellenabbau und Entlassungen.Mathias Bonnert von der Gewerkschaft Bau und Industrie weiß zwar noch nichts Konkretes, doch liegt es auf der Hand, daß sich bei Überschneidungen und Doppelgleisigkeiten drastische Personalkürzungen nicht immer umgehen lassen.Zwar hat Roche-Chef Fritz Gerber für Basel wie Mannheim "sozialverträgliche und faire" Lösungen versprochen, doch die Schweizer Erfahrungen auf diesem Gebiet sind durchaus nicht so rosig.Allein beim Zusammenschluß der beiden Roche-Konkurrenten Ciba und Sandoz zum neuen Novartis-Konzern wurde der Personalbestand um gut 3000 Beschäftigte gekürzt.

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