Wirtschaft : Die Pillenprüfer

Ein kleines Kölner Institut könnte mit Kosten-Nutzen-Vergleichen das deutsche Gesundheitswesen umkrempeln

Arvid Kaiser

Köln - Peter Sawicki ist unwohl. Dabei soll sein Institut endlich mehr Kompetenz bekommen. Wenn die Bundesregierung ihre Eckpunkte für die Gesundheitsreform wie geplant umsetzt, dürfen die Kölner Forscher vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Nutzen einer Therapie oder einer Arznei mit deren Kosten vergleichen. Doch dann muss das IQWiG auch ein ethisches Urteil abgeben. Wie viel ist ein zusätzliches Lebensjahr wert? Für seine Kollegen vom britischen NICE-Institut sind es zum Beispiel 30 000 Pfund.

Ärger hat Sawicki schon genug, obwohl sein Institut bislang nur Fachliteratur danach auswertet, ob die untersuchte Heilmethode überhaupt einen Zusatznutzen hat. So wie zuletzt, als es um künstlich erzeugte Hormone zur Regulierung des Blutzuckerspiegels, so genannte Insulinanaloga, ging. Den damit behandelten Altersdiabetikern gehe es nicht besser als Zuckerkranken, die herkömmliches Humaninsulin erhalten, befand das IQWiG. Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen beschloss daraufhin am 17. Juli, dass Kassen das Kunstinsulin nur noch erstatten müssen, wenn der Preisunterschied von 30 bis 60 Prozent verschwindet. Es war das erste Mal, dass ein Gutachten des 2004 gegründeten IQWiG direkte Auswirkungen auf den Pharmamarkt hatte.

Dass diese Premiere ausgerechnet in seinem Fachgebiet stattfand, empfindet der Diabetes-Forscher Sawicki als unglücklichen Zufall. Denn er hat sich damit nicht nur die Pharmaindustrie zum Feind gemacht, sondern auch viele Diabetiker. „Es gibt einen Zusatznutzen, da müsste er nur mal die Patienten befragen“, schimpft Manfred Wölfert, Vorsitzender des Deutschen Diabetikerbunds, der größten Selbsthilfeorganisation. Wölfert hat 180 000 Unterschriften für das Kunstinsulin gesammelt und will in der kommenden Woche eine Resolution herausgeben, damit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die Richtlinie des Bundesausschusses doch noch stoppt. Falls das Vorhaben wie erwartet scheitert, müsse man eben mit Patienten, die bei der Umstellung auf Humaninsulin Beschwerden zeigen, vor Gericht gehen. Die betroffenen Herstellerfirmen sehen sich dadurch moralisch gestärkt. Sanofi-Aventis klagt, „dass die Stimme der Patienten bei der Entscheidung keine Rolle spielt“ und Novo Nordisk warnt vor „Zwei-Klassen-Medizin“.

Wölfert und seine Mitkämpfer seien schlecht informiert, meint Peter Sawicki. „Dass die Patienten, für die ich die letzten zwanzig Jahre gearbeitet habe, sich so von der Industrie leimen lassen, ist schon bitter.“ Umso mehr freue es ihn, dass im Bundesausschuss auch die Patientenvertreter für die Entscheidung gestimmt haben – Leute wie Stefan Etgeton von den Verbraucherzentralen. „Die Industrie hat die Beweislast, warum wir deutlich mehr bezahlen“, sagt Etgeton.

Im Fall des Kunstinsulins wird mit einem Einsparpotenzial von 30 Millionen Euro pro Jahr gerechnet. Nicht viel im Vergleich zu den drei Milliarden, die dem Heidelberger Pharmakologen Ulrich Schwabe zufolge gespart werden könnten, wenn die Ärzte generell gleichwertige, billigere Mittel verordnen würden. Deshalb ist die Insulinentscheidung erst der Auftakt zu weiteren Auseinandersetzungen. Der Bundesausschuss hat dem Institut schon mehr Aufträge erteilt, als es bearbeiten kann. Neben weiteren Diabetesmitteln stehen Medikamente gegen andere Volkskrankheiten wie Asthma, Alzheimer, Bluthochdruck oder Depressionen auf dem Prüfstand.

„Medikamente, die nicht nützen, können immer schaden“, ist Sawickis Credo. Doch in Deutschland müssen die Kassen grundsätzlich alle zugelassenen Mittel erstatten. Und die Ärzte pochen auf ihre Therapiefreiheit. „Die Ärzte maßen sich an, über den Patienten zu entscheiden, was ihnen juristisch und moralisch überhaupt nicht zusteht“, findet Sawicki. Die Patienten müssten besser informiert werden, damit sie selbst entscheiden könnten. Nur das sei wirklich in ihrem Interesse.

Patienteninformationen des IQWiG im Internet: www.gesundheitsinformation.de

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